Eine Nacht im Gefängnis für einen Spaziergang

06.03.2009: Eine Grenzerfahrung

Ich bin bei Käthe L., einer ehemaligen Pfarrerin aus Coswig/Anhalt, zu Besuch. Wir kennen uns schon seit Längerem, denn ihr Sohn ist mein Patenonkel. Nach der Begrüßung setzen wir uns in Käthes Wohnzimmer. Sie macht es sich in einem Sessel bequem und ich auf der Couch. Im Hintergrund tickt die große Standuhr.

Von Nadja Thiel, 16 Jahre alt, Schülerin aus Wittenberg (Sachsen-Anhalt)

Kleingarten

Ihr Ticken untermalt unsere Reise in das Jahr 1962. Käthe erinnert sich gut an die Zeit, sie ist damals 27 Jahre alt und besucht Bekannte in Berlin. Da sie in Berlin studiert hatte, kennt sie auch jetzt noch die vielen Orte abseits der Touristengegenden. So auch eine Schrebergartenanlage, durch die seit einigen Monaten die Grenze zwischen Ost- und Westberlin verläuft.

Käthe will eigentlich nur wissen, was mit den Schrebergärten passiert ist. Nach einem Einkauf beschließt sie, sich die Gegend rund um die Gärten anzuschauen. Ob sie nun die Hinweisschilder wirklich übersehen hat oder einfach übersehen wollte - jedenfalls wird Käthe von einem Grenzposten entdeckt und dieser bringt sie auf sein Revier. Wie sich später herausstellen sollte, musste sie dort 24 Stunden bleiben.

Zuerst werden ihre Personalien aufgenommen. "Tätigkeit?", fragt der Polizist - und kann sein Erstaunen nur schlecht verbergen, als Käthe antwortet: "Pfarrerin". Zu dieser Zeit ist es keinesfalls normal, dass Frauen diesen Beruf wählen. Und zur Kirche hat die DDR auch kein gutes Verhältnis. Der Polizist jedenfalls hätte es allem Anschein nach nicht für möglich gehalten, dass er mal eine von diesen "Verrückten" kennen lernt.

Keine Zelle für Käthe

Als der Grund für ihren Aufenthalt in der Hauptstadt auch geklärt ist, kommt Käthe jedoch nicht wie erwartet in eine Zelle. Nein, sie muss sich auf eine Bank in der Nähe der Polizisten setzen. Denn bevor ein Gefangener in die Zelle darf, muss er durchsucht werden. Allerdings gibt es auch dem Revier gerade kein weibliches Personal - und Männer dürfen eine Frau nicht anfassen. Also bleibt Käthe ohne Untersuchung sitzen. Denn einfach gehen darf sie schließlich auch nicht.

Käthe bittet die Polizisten um ein kurzes Telefonat, damit sie ihren Bekannten wenigstens mitteilen kann, wo sie sich aufhält. Doch dies wird ihr nicht gestattet. Schließlich ist noch nicht geklärt, ob sie flüchten oder wirklich nur spazieren gehen wollte. Immerhin hätte Käthe einen Fluchthelfer anrufen können. Als es langsam Nacht wird und keine Hoffnung mehr auf ein Freikommen an diesem Tage besteht, erlauben die Polizisten ihr, sich auf eine Pritsche in einer Zelle zum Schlafen zu legen.

Im Laufe des nächsten Tages kommt man zu dem Schluss, dass Käthe L. nur eine harmlose Bürgerin ist - und so wird sie freigelassen. Ihre Bekannten sind mittlerweile informiert und holen sie vom Revier ab.

Heute kann Käthe über dieses Ereignis schmunzeln, doch damals hat sie einen gehörigen Schreck bekommen. Vielen anderen erging es leider anders - sie sind für ihre Freiheit gestorben. "Früher sprach man mit seinen Bekannten über diese Menschen, heute geraten sie immer mehr in den Hintergrund, vor allem im Alltag. Das ist sehr schade."

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