Wenn Menschen auf Befehl zum Mörder werden

03.03.2009: Der Schießbefehl an der innerdeutschen Grenze

Ein Blick aus dem Fenster des Cafés und es wird klar: Das Wetter passt zu meinem Interview-Thema. Die Straßen sind in ein tristes Grau getaucht. Es regnet. Eigentlich ein Wetter, bei dem man sich am liebsten wieder unter die warme Decke kuschelt und DVDs ansieht.

Von Vivian Bölicke, 15 Jahre alt, Schülerin aus Halle

Mauer mit Stacheldraht

Mein Gesprächspartner Michael Dullau wurde 1967 geboren, zwischen 1987 und 1989 leistete er seinen Wehrdienst bei den DDR-Grenztruppen ab. Seit einigen Jahren veröffentlicht der freie Autor Bücher, in denen er die Geschehnisse an der innerdeutschen Grenze thematisiert. Sein Debütroman "Grenzland” aus dem Jahr 2005 beschreibt zwei Tage im September 1987 an der ehemaligen Grenze - es handelt sich um den Zeitraum des Besuch des Staatsratsvorsitzenden der DDR Erich Honecker bei Bundeskanzler Helmut Kohl.

2008 veröffentlicht Dullau die "Chronik der deutsch-deutschen Grenze und der Grenztruppen der DDR von 1945 bis 1990”. Demnächst erscheint sein drittes Werk "Trimborns Plan - Die Geschichte einer Fahnenflucht”.

Schier unüberwindbar

Herr Dullau sitzt mir gegenüber, bestellt sich ein Glas Wasser. Er hat an diesem Tag nur wenig Zeit. Nach einer kurzen Begrüßung stelle ich meine erste Frage.

"Wie stand es damals um Selbstschussanlagen, Minen und bewaffnete Grenztruppen?" Er wirkt gefasst und beginnt zu erzählen. "Die Selbstschussanlagen, auf Basis einer Splittermine des Typs SM 70, waren auf rund 400 Kilometern entlang der deutsch-deutschen Grenze auf Seiten der DDR installiert. Die DDR hat die Selbstschussanlagen dann im Jahr 1984 im Tausch gegen einen 2 Milliarden DM-Kredit, den der ehemalige bayrische Ministerpräsident Strauß mit dem DDR-Unterhändler Schalck-Golodkowski in einem Geheimtreffen ausgehandelt hatte, abmontiert. Einfacher gesagt: Die DDR hat Geld kassiert für den Abbau der Selbstschussanlagen.”

Er macht eine kurze Pause. Sieht auf die verregnete Straße, die im fahlen Tageslicht glänzt. Dann wendet er sich wieder mir zu, lächelt kurz und erzählt weiter. "Ohne diesen Kredit wäre die DDR schon damals wirtschaftlich Pleite gegangen. Aber das nur am Rande. Bis zum Jahre 1985 gab es an der deutsch-deutschen Grenze auch rund 300 Kilometer Minenfelder, in denen circa 1,3 Millionen Erdminen lagen, die im Zuge des Strauß-Deals ebenfalls geräumt wurden.”

Eindeutiger Befehl

In der Zwischenzeit hat die Kellnerin das Wasser serviert und stellt es auf dem Tisch vor uns ab. Michael Dullau nickt kurz, zum Zeichen des Dankes. Sogleich redet er weiter.

"Die Grenztruppen waren bis zum Ende der DDR mit Maschinenpistolen des Typs Kalaschnikow sowie zwei Magazinen mit je 30 Schuss scharfer Munition bewaffnet. Sie hatten Befehl, flüchtige DDR-Bürger mit allen Mitteln - auch und gerade mit Anwendung der Schusswaffe - am Grenzübertritt zu hindern. Der Befehl war eindeutig und hieß: ’Grenzverletzer sind aufzuspüren, festzunehmen oder zu vernichten.’ Dieser Schießbefehl oder besser Vernichtungsbefehl für die DDR-Grenztruppen galt fast bis zum Ende der DDR. Erst am 21.12.1989 hob der damalige Verteidigungsminister der DDR, Admiral Theodor Hoffman, in seinem Befehl 101/ 89 für die DDR-Grenztruppen offiziell und endgültig den Schießbefehl auf.”

Alle Grenzverletzer sollten im Zweifelsfall vernichtet werden? Unbegreiflich. Ungeheuerlich. Unmenschlich. "Wurde damals über die Toten an der Mauer gesprochen oder wurde diese Tatsache nicht beachtet?”, will ich wissen.

Bittere Wahrheit

Michael Dullau überlegt kurz, sieht aus dem Fenster. Er lächelt nicht mehr so eindeutig wie am Anfang unseres Gespräches. Bevor er beginnt zu reden, räuspert er sich kurz. "Ich behaupte, dass fast jeder ehemalige DDR-Bürger, der damals mindestens 20 Jahre alt war, wusste, dass an der Grenze geschossen wurde und dass es dort regelmäßig Tote und Verletzte gab. Nicht zuletzt durch das Westfernsehen, das von vielen DDR-Bürgern regelmäßig gesehen wurde. Zur Wahrheit gehört auch, dass ich mich selbst hier nicht ausschließen kann.”

Ich schließe kurz die Augen. Ich kann mir nicht vorstellen, wie das sein muss: Zu wissen, dass der eigene Staat seine Bürger erschießt. Wie hält man das aus?

"Viele Leute in der DDR wussten, was an der Grenze passierte, haben aus Angst, Bequemlichkeit oder einfach aus Desinteresse sich nicht getraut bzw. nicht gewollt, etwas zu sagen - und viele wollen es auch heute noch nicht,” sagt er, um den Anschluss an meine Frage nicht zu verlieren.

"Letztlich waren die Toten an der Grenze von der DDR-Regierung gewollt. So makaber es klingt: diese Toten sollten eine Abschreckung für alle Menschen in der DDR sein, die sich mit dem Gedanken trugen, über die Grenze der DDR in die BRD bzw. West-Berlin zu flüchten. Wenn man dies von Seiten der DDR-Regierung nicht so gehandhabt hätte - so das perverse Denken der DDR-Regierung - wären viele junge und gut ausgebildeten Leute in den Westen gegangen.”

Glück

"Wurden Sie mit alledem selber konfrontiert?” Diese Frage scheint ihn von allen heute gestellten am meisten zu bewegen. "Mir wurde Gnade zuteil, während meiner Wehrdienstzeit bei den DDR-Grenztruppen keinem DDR-Flüchtling zu begegnen bzw. auf niemanden schießen zu müssen. Das empfinde ich im Nachhinein als wirkliches Glück.” Michael Dullau beendet seinen Satz, wirkt jetzt wieder gelöster. Im selben Moment erscheint die Kellnerin. Er bezahlt sein Wasser und sagt fast schon nebenbei: "Ich finde es sehr gut, dass Sie sich für dieses Thema interessieren und versuchen, herauszufinden, was damals wirklich passierte.”

Ich frage den Schriftsteller, ob er weiß, wie viele DDR-Flüchtlinge damals erschossen wurden und wie viele es geschafft haben zu fliehen. "Nach derzeitigen Erkenntnissen, die auf Daten der "Arbeitsgemeinschaft 13. August” basieren, kamen bei Fluchtversuchen an der Grenze zur BRD 489 Menschen ums Leben; an der Berliner Mauer wurden 227 Menschen getötet; bei Fluchtversuchen über die Ostsee kamen 181 Menschen zu Tode; aber auch 37 DDR-Grenzsoldaten wurden getötet.

Die Zahl der DDR-Bürger, die es geschafft haben, in die BRD bzw. West- Berlin zu flüchten, ist derzeit noch nicht in genaue Zahlen zu fassen. Es dürften aber im Laufe der 40 Jahre, die die DDR bestand, mehrere Zehntausende gewesen sein.”

Eine gute Zahl. Die einzig gute, die ich in diesem Gespräch gehört habe.


  • "Grenzland”, pro Literatur Verlag, Augsburg, 3. Auflage 2008, ISBN 978- 3-86611-357-2
  • "Chronik der deutsch-deutschen Grenze und der Grenztruppen der DDR von 1945 bis 1990”, Stiftungsverlag " Deutsche Jugend e.V.”, 1. Auflage 2008, ISBN 978-3-9804687-3-4
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