An der Grenze zwischen zwei Hälften der Welt

24.02.2009: Verdrängung als Strategie

Dinge müssen diesen Menschen passiert sein, dass sie sich dem hohen Risiko aussetzen und über die Mauer fliehen?”, fragen sich Werner und Susanne Tast, wenn sie an die Leute denken, die an der Berliner Mauer tödlich verunglückt sind.

Brandenburger Tor

Nele Tast, 16 Jahre alt, Schülerin aus Klein Leppin

Susanne Tast blickt von ihrem kleinen runden Taschenspiegel auf, nachdem sie ihre Lippen mit einem kräftigen Rot nachgeschminkt und ihre orangeroten Locken zurechtgelegt hat. Sie sieht sich in dem gut gefüllten Café um, wo sie mit ihrem Mann einen Platz gewählt hat, und betrachtet die Menschen, die sich draußen auf den Straßen am Helmholtzplatz im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg tummeln. Dann löst sie sich von dem Treiben der Straße und beginnt entschlossen zu erzählen.

An den 13. August 1961 kann sie sich noch genau erinnern. Zu der Zeit arbeitete Susanne Tast für den Kinderfunk. Sie erzählt, dass in den Sommerferien wie in jedem Jahr Hörspiele aufgenommen wurden. Deshalb befand sie sich an dem Tag in Erfurt auf einer Dienstreise, als sie die Nachricht des Baus der Berliner Mauer empfing.

Tragweite nicht klar gewesen

Der Rundfunk beauftragte seine Mitarbeiter, sofort eine Stellungnahme zu geben. "Man dachte, die Westdeutschen würden uns sonst auskaufen.” Heute schämt sie sich etwas dafür, doch damals war sie der Ansicht, dass der Bau kein schlechtes Unterfangen sei. Ihr Mann überlegt kurz, beugt sich über den schweren Holztisch und sagt dann mit eindringlicher Stimme: "Die Tragweite ist uns damals nicht klar gewesen. Auf der einen Seite war es eine totale Abschottung, aber dass damit sozusagen zwei Hälften der Welt entstanden, war uns nicht bewusst.”

Diese Grenze der "zwei Hälften der Welt”, des sozialistischen und des kapitalistischen Europas, versuchten viele Menschen vergeblich zu überwinden - und einige kamen dabei ums Leben. Die Toten an der Mauer erschütterten Susanne und Werner Tast sehr. Besonders an die letzten Fälle können sie sich noch gut erinnern, da die Flucht zu dieser Zeit eigentlich überflüssig war, weil sich der Staat bereits im Niedergang befand.

Als sie damals über die Opfer sprachen, über die sie hauptsächlich durch das Westfernsehen erfuhren, fragten sie sich nach dem Grund dafür, was die Menschen zu einer Flucht über die Mauer trieb, wenn es nicht jugendlicher Leichtsinn war.

Besser ins Gefängnis?

Werner Tast räuspert sich und erklärt seine Bedenken: "Jedermann wusste: Wenn er über die Mauer geht, wird er möglicherweise erschossen. Nun frage ich mich: Wie weit muss man vom Leben schon enttäuscht und kaputt sein, um sich freiwillig in diese Situation zu begeben? Dann ist es vielleicht doch noch besser, ins Gefängnis zu gehen, als dass man sich diesem Risiko aussetzt, erschossen zu werden.”

Susanne Tast nippt an ihrer Apfelschorle und berichtet davon, dass den Leuten außerdem auch andere Möglichkeiten zur Verfügung standen. "Wenn sie wirklich das Land verlassen wollten, dann hätten sie einen Ausreiseantrag stellen können und das Verfahren durchstehen müssen.”

Susanne und Werner Tast spielten nicht mit dem Gedanken, auszureisen. Paradoxerweise beeinflusste der Bau der Mauer den Lebensweg von Werner Tast auch positiv, denn dadurch gelangte er zu seinem Arbeitsplatz, den er sonst nur auf kompliziertere Weise erreicht hätte. Er hatte sein Musikstudium in Weimar noch nicht einmal abgeschlossen, als er für eine Stelle im Rundfunk Sinfonieorchester Berlin vorgeschlagen und nach dem Probespiel angenommen wurde. Diese Maßnahme geschah nur, da im Orchester die Stellen der Westberliner frei wurden.

Österreicher in Ostberlin

Seit dem Mauerbau durften sie nicht mehr in Ostberlin arbeiten, wenn sie nicht die Staatsbürgerschaft der DDR annehmen wollten. Solch eine Regelung galt damals für alle Orchester in Ostberlin mit nur einer Ausnahme. Die Komische Oper, in der Werner Tast fünf Jahre später eingestellt wurde und dort bis zu seiner Rente spielte, behielt auf das Drängen ihres österreichischen Intendanten Walter Felsenstein alle westdeutschen Musiker. Er würde selber gehen, wenn seine Forderungen nicht durchgesetzt werden könnten, gab Felsenstein damals zu verstehen. Schließlich behielten die westdeutschen Musiker bis zu ihrer Rente die Stelle in der Ostberliner Komischen Oper. Für Felsenstein war das neben dem Qualitätsgedanken auch eine soziale Frage. "Als etwas älterer Musiker hätte kaum jemand wieder einen neuen Arbeitsplatz in der BRD gefunden”, meint Werner Tast. Deshalb konnte er sich sogar mit Westdeutschen Kollegen austauschen - eine Besonderheit in der DDR.

Er kratzt sich am weißen Vollbart, trinkt einen Schluck von seinem Rotwein und fährt etwas zögerlich in seiner Erzählung fort. "Eigentlich führten wir kein schlechtes Leben in der DDR und würdigten es, eine gute Arbeit zu haben.” Da Werner Tast auch als Solist tätig war, fuhr er regelmäßig ins westliche Ausland, unter anderem nach Japan, in die USA und nach Westdeutschland. Somit war er in einer besonderen Situation und konnte Dinge erleben, die anderen in der DDR verwehrt blieben.

Politisch unpolitisch

An seinem Arbeitsplatz hatte er selten etwas mit Politik zu tun, berichtet er. Zwar bedrängte ihn eines Tages ein Mitglied der CDU, in die Partei einzutreten und lockte ihn mit der Vergabe des Nationalpreises, der jedes Jahr für besondere kulturelle und wissenschaftliche Leistungen vergeben wurde, doch Werner Tast lehnte ab. Er begründete es mit der Zustimmung der CDU zum Einmarsch in Prag im Jahr 1968.

Susanne Tast kam in ihrem Beruf mehr mit Politik in Berührung. "Ich war Aktivistin in unserem Betrieb”, gesteht sie leise mit vorgehaltener Hand. "Aktivist" war eine Bezeichnung für Leute, die besonders gute Leistungen vollbrachten und eigentlich auch für die, die den Staat besonders unterstützten. Doch als solche Person sieht sie sich aus heutiger Sicht nicht und es ist ihr eher unangenehm, dass sie diese Auszeichnung einmal bekam.

Verdrängung im Alltag

Danach breitet sich für eine Weile Schweigen aus, und wieder blickt sie aus dem Fenster in den Wolken verhangenen Himmel. Ihr Mann meint, dass gegen die Toten an der Mauer eigentlich keiner etwas unternehmen konnte. Hätte der Westen eingegriffen, wäre es möglicherweise zu einem Krieg gekommen. Immer, wenn sie von den Toten erfuhren, bewegte es sie und sie konnten nicht begreifen, wie ein Staat so etwas zulassen kann. Doch irgendwann verdrängten sie die Gedanken über die Toten an der Mauer oder sie nahmen sie zumindest nicht mehr wahr.

Als die beiden darüber berichten, nach und nach abgestumpfter geworden zu sein, hat es den Anschein, dass sie sich dafür schämen. Aber ist es nicht auch heute scheinbar normal, gemütlich beim Abendbrot zu sitzen, nebenbei im Fernsehen von den schlimmsten Anschlägen zu erfahren und sich darüber kaum Gedanken zu machen?

Trotz des Vergleichs, der ihre Abgestumpftheit von damals erklären könnte, beendet Werner Tast das Gespräch etwas besorgt mit einer eindringlichen Aufforderung: "Bitte denke nicht, dass wir gleichgültig waren.”

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