An der Grenze der Menschlichkeit

19.02.2009: Ein ehemaliger DDR-Soldat berichtet

Hildburghausen, 1969. Konrad Lehmann kauert im Schnee und lauscht in die Stille. Diensthund Max schmiegt sich an seine Beine, spendet Trost. Das Gewehr fest umklammert, wartet der junge Soldat auf ein Geräusch, eine Bewegung. Was, wenn tatsächlich jemand kommt? Starr vor Angst schließt er die Augen, denkt sich an einen anderen Ort. Auch heute ist seine Angst noch deutlich spürbar. 40 Jahre sind vergangen, seit er seinen Wehrdienst an der innerdeutschen Grenze verrichten musste.

Gedenksteine mit der Aufschrift "Den Opfern der Teilung"

Von Olivia Sardinas, 18 Jahre alt, Studentin aus Thüringen

Konrad Lehmann wohnt schon Zeit seines Lebens in Dresden. Wieso gerade er an die Thüringische Grenze berufen wurde, weiß er nicht. Der Grenzdienst beruhte nämlich nicht auf Freiwilligkeit, er zählte zum Pflichtwehrdienst. "Eines Tages wurde ich zur Musterung geladen, wie alle anderen auch. Erst als der Wehrdienst begann, erfuhr ich, wo ich eingesetzt werden sollte", erinnert er sich. Obwohl die Soldaten die Möglichkeit gehabt hätten, ihren Einsatzposten abzulehnen, trat die Mehrheit den Dienst an der Grenze an.

"Ich war damals erst 20 Jahre alt. Ich wusste nicht, was mich an der Mauer erwartet. Als Grenzsoldat bekam man mehr Sold und ich hatte eine Familie zu versorgen", begründet Konrad Lehmann seine damalige Entscheidung. Dass er sich dazu verpflichtete, seine Mitbürger an der Flucht in den Westen zu hindern, war ihm bewusst. Dass er dies auch mithilfe einer Waffe tun sollte hingegen nicht. "Wir wurden angewiesen, auf die Beine des Flüchtlings zu zielen. Ich wollte unter keinen Umständen schießen. Zu groß war die Angst, nicht zu treffen und dadurch einen Menschen zu töten", berichtet der inzwischen 60-jährige.

Flucht mit Folgen

Doch nicht alle Grenzsoldaten zögerten, wenn es darum ging, den Schießbefehl auszuführen. Die Zahl derer, die ihr Leben an der Mauer verloren, ist unklar. Nicht jedes Opfer wurde von einem Soldaten erschossen. Einige von ihnen ertranken beim Versuch, die DDR über die Ostsee zu verlassen, andere fanden den Tod durch Landminen oder Selbstschussanlagen. 13 Jahre lang - von 1971 bis 1984 - existierten etwa 55.000 dieser Anlagen. Sie waren an Metallzäunen montiert und feuerten Stahl- und Eisensplitter ab, wenn ein Draht berührt wurde. Eindeutig, dass die Flucht in den Westen damals eine schwerwiegende Straftat darstellte, die mit allen Mitteln bestraft werden sollte. "Uns wurde eingebläut, die sogenannten Grenzverletzer unbedingt aufzuhalten. Sie wurden als Verbrecher gehändelt, Staatsverräter, die dem Volk schaden wollen", bestätigt Konrad Lehmann die These. Wer den Schießbefehl absichtlich nicht befolgte, galt ebenfalls als Staatsverräter. War es also die Furcht vor den Konsequenzen, die die Soldaten zum Abfeuern ihrer Waffen zwang? "Ja, anders kann ich mir das nicht erklären. Ich bin mir sicher, dass niemand aus Überzeugung geschossen hat", analysiert der ehemalige Grenzer.

Persönliche Grenzen und grenzenlose Träume

Ob auch er geschossen hätte, weiß er nicht. "Es wäre zu einfach diese Frage zu verneinen. Glücklicherweise kam ich nie in eine Situation, die diese Entscheidung erfordert hätte." Als sein Wehrdienst schließlich ein Ende nahm, war Konrad Lehmann mehr als erleichtert. Obwohl er jeden Tag acht Stunden lang auf Streife war, fand er sich nie von Angesicht zu Angesicht mit einem Flüchtling wieder. "Ich hätte weder eine Festnahme, noch einen Schuss mit meiner ethischen Meinung vereinbaren können. Jeder Mensch hat ein Recht auf Leben und Freiheit", sagt er. "Außerdem konnte ich die Menschen verstehen. Ich wollte ja auch abhauen", fährt er schließlich fort.

"Ich hatte immer die Hoffnung, in einem unbeobachteten Moment in den naheliegenden Wald flüchten zu können", gesteht er zaghaft. Dass dies ein nie wahr gewordener Traum war, wusste er damals schon. "Wir zogen ja nie alleine los. Ich wurde jeden Tag von einem Unteroffizier oder einem Gefreiten begleitet. Das Postenpaar wurde täglich neu gebildet. Wer mit wem auf Streife ging, erfuhr man erst kurz vor Dienstbeginn", erklärt er.

Das Leben danach

Wie jeder Grenzsoldat, kehrte auch Konrad Lehmann nach anderthalb Jahren zu seiner sächsischen Familie zurück. "Ich hatte zwar während meiner Dienstzeit den einen oder anderen Kurzurlaub, aber als ich dann endlich für immer zurückkehren konnte, weinte ich vor Freude", erzählt er beinahe flüsternd. Grenzer waren ganz normale Ehemänner, Väter, Brüder, Söhne. Sie verrichteten ihren Wehrdienst und taten damit ihre Pflicht. Dennoch werden sie noch heute genau dafür verurteilt. "Natürlich ist es verwerflich, einen Flüchtling zu töten. Es ist und bleibt Mord. Aber es ist immer einfach, das Verhalten eines Grenzers von Außen zu beurteilen. Anstatt nur zu kritisieren, sollten die Menschen sich über die Hintergründe informieren", merkt Lehmann an.

Als Grenzsoldat an der deutsch-deutschen Grenze hatte man wahrlich keinen Traumberuf zu verrichten. Binnen Sekunden musste entschieden werden, ob man schießt oder Gefahr läuft, dass der Flüchtling selbst bewaffnet ist. "Auch Grenzer wurden erschossen. Werner Weinhold erschoss 1975 auf seiner Flucht in den Westen zwei Grenzsoldaten", klärt Konrad Lehmann auf. Abgesehen davon müssen die Schießbedingungen fairerweise als suboptimal eingestuft werden. Mitten in der Nacht auf die Beine einer sich bewegenden Person zu zielen, die sich in einigen Metern Entfernung im Wald versteckt, ist gewiss kein Kinderspiel. Sicherlich wäre es verantwortungsvoller gewesen, in einer solchen Situation überhaupt nicht zu schießen. Aber um das beurteilen zu können, muss man selbst einmal diesem Druck ausgesetzt gewesen sein. "Wir waren doch alle Marionetten des Systems. Es ist ja nicht das erste Mal, dass Menschen in einer Diktatur Dinge tun, die sie unter normalen Umständen niemals getan hätten", schließt der ehemalige Grenzer seinen Augenzeugenbericht ab. Hoffentlich ist all dies für immer vorbei.

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