"Sie waren niemals allein"

17.02.2009: Szenen an der Grenze

In den Fenstern spiegelt sich das Kerzenlicht, das sich durch den gleichmäßigen Atem langsam hin und her wiegt. Ullrich Dombrowskis Augen weiten sich bei jedem seiner Worte. Er sucht nach Erinnerungen - mitbekommen hat er in der DDR viel. Passiert ist ihm selbst zum Glück nie etwas.

Ehemaliger Grenzwachturm zwischen Mellrichstadt und Henneberg

Von Annika Maslewski, 15 Jahre alt, Schülerin, Perleberg

"Meine Schwester ist vor dem Mauerbau in den Osten gegangen. Hinterher wäre es wohl kaum möglich gewesen." Der 72-Jährige Ullrich Dombrowski kichert und schüttelt den Kopf. "Es war riskant zu flüchten. Viele versuchten es, doch nur wenigen ist es gelungen." Auf dem Tisch steht eine Kerze. Die Flamme flackert ein wenig, Ullrichs Stimme wird fest. "Wir wussten ja offiziell gar nichts von einer Flucht, oder überhaupt von den Menschen, die aus diesem Land raus wollten. Hier war es ja schließlich schön, warum sollte man ein Land verlassen, in dem es einem gut ging?" Er lächelt und grinst über seine eigenen Gedanken.

In Wirklichkeit war es anders. Zwischen 1961 und 1989 starben über 136 Menschen bei ihrem Versuch, die Deutsche Demokratische Republik illegal zu verlassen.

Die Mauer verlief nicht nur durch Berlin, sondern auch durch kleine Dörfer. Nach einiger Zeit wurden viele davon auf DDR-Seite zwangsversetzt. Alle Einwohner wurden zwangsumgesiedelt und lebten fortan zum Teil weit von ihrer Heimat entfernt. Die Grenze zog sich über Felder, durch Städte und Wälder. Wo die Sicht nicht gut genug war, wurden Bäume gefällt. Die Mauer wurde durch Gräben, Wachtürme und elektrische Zäune geschützt. Auch Soldaten patrouillierten - mit dem ausdrücklichen Befehl zu schießen, wann immer es nötig wäre.

"Sie waren niemals allein. Da standen immer zwei oder drei Bewaffnete an einem Grenzabschnitt. Nicht, weil sie Angst hatten, sondern weil der Staat es so anordnete. Es musste immer ein Zeuge da sein, die Gefahr, dass ein Soldat absichtlich daneben schießt oder selbst türmt, war einfach zu groß." Ullrich dreht den Kopf, und das warme Licht der Kerze scheint in sein Gesicht, so dass sich die Konturen abzeichnen.

"´Nehmen Sie die Hand von unserer Staatsgrenze!´, wurde gerufen, wenn man auch nur den Draht berührte. Hunde, die an langen Stahlseilen iimmer an der Mauer hin- und herliefen, fingen an zu bellen. Da war an einen Fluchtversuch nicht zu denken. Hatte man keine großen Wünsche und nicht das Bedürfnis zu sterben, blieb man halt daheim. Die Sicherungsanlagen wurden ja auch immer perfekter."

Seit dem Tag, an dem die Mauer gebaut wurde, wurde immer mehr Aufwand betrieben, um die Bürgerinnen und Bürger nicht entwischen zu lassen. Am Anfang flüchteten noch einige Jugendliche, indem sie einfach mit ihrem Auto durch die Absperrung fuhren. Bald steckten die Handlanger des Staates Schlängellinien ab, damit es nicht mehr möglich war, genug Fahrt aufzunehmen. Die Grenzanlagen wurden immer komplexer. Die Mauer sollte schließlich hundert Jahre oder länger erhalten bleiben, wie Honecker vor dem Thomas-Münzer-Komitee verkündete.

"Als einzelner konnte man nichts unternehmen, man durfte nicht darüber reden. Wer wusste schon, ob ein Stasi-Mitglied neben einem stand? Eine Freundin von mir stellte einen Antrag auf Ausreise. Er wurde abgelehnt und sie verlor ihre Stelle als Lehrerin. Nein, unsere Informationen stammten aus dem Westfernsehen. Reporter reisten unter einem Vorwand ein, um hier zu drehen, von der anderen Seite aus war man ja nicht so streng und bevor die Regierung sie hopp nehmen konnte waren sie schon längst wieder drüben." Der 76-Jährige Ullrich lächelt, aber seine Fingerspitzen drücken sich in die Tischdecke.

"Es gab immer wieder Verrückte, oder Verzweifelte, die trotz aller bekannten Hindernisse versuchten, sich durchzuschlagen. Die Vernunft schien nachzulassen, denn Aktionen mit Heißluftballons oder anderen Fluggeräten kamen in Umlauf, Menschen wurden in Truhen in Kofferräumen verstaut oder gruben Tunnel. Einige versuchten auch über die Grenze zu schwimmen, beispielsweise durch die Elbe. Schon wer bei der Planung seiner Flucht erwischt wurde, wurde inhaftiert, die Kinder kamen in ein Heim." War dieses Kind erst einmal im Heim, kam es nur in den seltensten Fällen überhaupt je wieder zu seiner Familie zurück. Meist wurde es von staatstreuen Anhängern der DDR-Politik adoptiert.

Ullrich Dombrowski lacht, man merkt, dass er nie direkt betroffen war. "Mein einziger Zusammenstoß mit einem Flüchtling, den ich je hatte, war eher passiv. Ich war gerade bei Bekannten und mein Auto wurde gestohlen. Da saß ich also auf der Wachstation in Cottbus und hörte zu, wie sich zwei Beamte über die Suche nach einem Grenzverletzer unterhielten. Aber das ist wirklich zu lange her, als das ich mich noch richtig dran erinnern könnte."

Er schüttelt sich. Viel über die Grausamkeit der Ereignisse an der Mauer drang nicht bis an die Menschen heran. Wie Mütter und Väter, Töchter und Söhne ihr Leben verloren, blieb hinter der dicken Pappe der unter Staub bedeckten Ordner ruhen. Wer die Staatsgrenze verletzte, war Feind des Staates und durfte verurteilt werden. Der letzte Republikflüchtling Chris Gueffroy wurde am 5. Februar von einem Schuss in den Rücken getroffen, als er versuchte, durch den Teltowkanal zu fliehen. Er starb sofort. Sein Freund, der bei ihm war, überlebte die Flucht. Zu viele Menschen brachten sich in eine tödliche Gefahr, nur um ihre Familie wieder zu sehen. Das Opfer für Freiheit war zumeist der Tod.

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