Geeint im geteilten Land

17.02.2009: Eine deutsche Familiengeschichte

"Jeder spürte: Bald würde eine Veränderung kommen. Es lag so viel in der Luft. Und dann so eine Nachricht..." Jutta Jaworski wirkt durcheinander, wenn sie an den Tod von Chris Gueffroy zurückdenkt. "Ich fragte mich: Nimmt der Wahnsinn denn kein Ende?"

Gedenkkreuz für Chris Gueffroy

Von Shirine Issa, 20 Jahre alt, Studentin, Berlin

Die ersten Jahre ihres Lebens hatte Jutta Jaworksi in der DDR verbracht. 1942 wurde sie in Kunrau, einem Dorf in Sachsen-Anhalt, nahe der Grenze zu Niedersachsen, geboren. Sie lebte dort mit ihrer Mutter und ihren vier Geschwistern. "Mein Vater lebte in Wolfsburg in Niedersachsen, auf der Westseite. Dort hatte er Arbeit gefunden".

Mutter und Kinder in der DDR, der Vater in der BRD. Die Familie hatte früh gelernt, mit der Trennung zu leben, wenn auch es nicht immer leicht war. "Einmal kam mein Vater zur Grenze, wir waren auch da. Ich habe angefangen zu weinen. Die Grenzbeamten haben mir erlaubt, zu ihm zu gehen und ihn zu umarmen." Damals war Jutta Jaworski sechs Jahre alt, sie verstand noch nicht, wie viel mehr der Grenzzaun noch trennte, als nur sie und ihren Vater.

"Meine Mutter besuchte meinen Vater öfter", erzählt sie. "Natürlich war das nicht erlaubt, aber mit den richtigen Mitteln gab es Wege auf die andere Seite. Meine Mutter ging zur Abgrenzung und schaute, welche Beamten gerade dort waren. Wenn es die Richtigen waren, konnte sie gehen. "Wieder zu ihrem Mann?", fragten die Beamten dann. "Ja", antwortete meine Mutter. "Bringen Sie mir ein paar Heringe mit", erwiderten die Beamten. So besuchte sie regelmäßig meinen Vater, brachte Geld, Lebensmittel und Spielzeug für uns Kinder mit. Das Geld, das Vater ihr gab, wickelte sie immer in Wolle ein, damit man sie nicht erwischte."

Raus aus dem Sperrgebiet

Kurz vor dem Mauerbau veränderte sich für die Familie von Jutta Jaworski alles. Ihr Wohnort Kunrau lag im Sperrgebiet. Das bedeutete, alle Einwohner des Dorfes wurden überprüft. Wer politisch nicht ganz korrekt war, musste weg. "Bei mir und meiner Familie hat es schon genügt, dass mein Vater im Westen war. Als wir erfuhren, dass Leute mitgenommen wurden, zogen wir schnell in einen anderen Ort, etwas weiter östlich. So waren wir aus dem Sperrgebiet raus." Jutta selbst war damals sieben Jahre alt. Sie verstand noch nicht, worum es wirklich ging. Nach einem kurzen Aufenthalt in dem neuen Ort nahm die Familie das Risiko auf sich und fuhr nach Westberlin.

Die Fahrt war nicht ganz ungefährlich. Man durfte zwar in den Westen reisen, aber aus der DDR fliehen, gar nicht wieder kehren - das war nicht erlaubt. Aber niemand der Grenzbeamten kontrollierte die Taschen oder vermutete, dass die Familie die DDR für immer verlassen würde. Die Fahrt verlief ohne Probleme. Zunächst lebten sie im Flüchtlingslager in Berlin Marienfelde. "Meine Mutter wollte unbedingt nach Wolfsburg zu meinem Vater. Sie sagte immer: "Was soll ich denn woanders. Dort lebt mein Mann." Aber Wolfsburg war zu dieser Zeit völlig übervölkert, wir mussten warten."

Die sechsköpfige Familie lebte zunächst in einem großen Saal mit vielen anderen Flüchtlingen, die die letzte Möglichkeit ergriffen hatten, die Grenze vor dem Bau der Mauer zu passieren. Gemeinsam lebten und teilten sie alles: Duschen, Waschbecken, Schlafräume und Lebensmittel. "Privatsphäre - so etwas hatten wir dort nicht.", erzählt Jutta Jaworski.

Sie dürfen fahren!

Juttas Mutter versuchte immer wieder, die Erlaubnis zu bekommen, nach Wolfsburg zu ziehen. Raus aus dem Lager, aus der großen, fremden Stadt, zum Mann und Vater ihrer Kinder. Und sie schaffte es. Vielleicht war es Glück, vielleicht auch Schicksal: Als sie eines Tages wieder in der Behörde um eine Wohnerlaubnis für Wolfsburg bat, schaute der Beamte wie jedes Mal kritisch die Akten durch. "Frau Hamann, hat ihr Mann gekämpft?", fragte er. "Ja, hat er.", antwortete Frau Hamann. "Ihr Mann heißt Walter?", fragte der Mann weiter. "Ja.", antwortete Frau Hamann irritiert. In den Akten stand der Name nicht, sie wusste nicht, woher dieser Beamte das wusste. "Fahren Sie. Und grüßen Sie Ihren Mann von mir", sagte der Beamte und erteilte der Familie die Wohnerlaubnis ohne weiteren Kommentar. "Bis heute wissen wir nicht, wer dieser Mann war. Er hat wohl mit meinem Vater im Krieg gekämpft.", vermutet Jutta Jaworski heute. In Wolfsburg waren die Lebensbedingungen besser. Vorerst lebte die Familie in einem Barackenlager, bald durften sie sogar in eine Dreizimmerwohnung ziehen.

Vernarrt in die Ideologie

"Anfang der 50er Jahre waren die Grenzbeamten noch ganz anders als am Ende", sagt Jutta Jaworski. Ihr Blick versinkt in Gedanken, ihre Stimme wird schwächer. Dass Beamte an der Grenze 1989 wirklich auf den 18-jährigen Gueffroy schossen und ihn sterben ließen, macht sie bis heute fassungslos: "Wie konnten diese Menschen noch schießen? Wie konnten sie das tun? Sie müssen so vernarrt gewesen sein in ihre Ideologie. Dabei war doch alles schon fast vorbei." Die Entscheidung Chris Gueffroys, die Flucht in den Westen zu wagen, kann Jutta Jaworski aber nachvollziehen. "Bestimmt hat auch er gemerkt, dass sich etwas verändert. Aber er wollte wohl nicht mehr warten und hoffen. Tatendrang, Überzeugung und starker Wille - das ist etwas, was man der Jugend lassen muss."

Die Schicksale von Chris Gueffroy und Peter Fechter haben sich eingebrannt in die Erinnerungen von Jutta Jaworski. Peter Fechter war einer der ersten Maueropfer. Als er 1962 versuchte in den Westen zu fliehen, entdecken ihn die Beamten - und schossen. Angeschossen lag er auf dem Boden des Grenzstreifens. Die Alliierten im Westen trauten sich nicht, die Russen auf der anderen Seite zu provozieren. Niemand reagierte. Schließlich verblutete Fechter auf den Metern zwischen West- und Ostdeutschland. Erst als er tot war, bargen die Russen seine Leiche. "Wenn ich heute an diese Bilder denke, kann ich immer noch nicht verstehen, wie Menschen so etwas tun können."

Jutta verbrachte die nächsten Jahre ihres Lebens in Wolfburg. Sie verliebte sich, heiratete und bekam zwei Kinder. Erst einen Jungen, Jens. Später ein Mädchen, Vera. Vera würde später in Berlin heiraten und ein Kind bekommen, auch ein Mädchen. Dieses Mädchen schreibt nun diesen Text, den Weg der eigenen Großmutter in den Westen Deutschlands.

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