Grenzer auf Zeit

17.02.2009: Wehrdienst an der Mauer

Im Leben meines Onkels verläuft alles so, wie er es will, und er kann selbst bestimmen, was er beruflich und privat machen möchte. Doch das war nicht immer so. Den Wehrdienst konnte er nicht verweigern - was wäre sonst aus seinen Träumen geworden?

Ehemaliger Grenzturm zwischen Niedersachsen und Thüringen

Von Eva-Maria Felsch, 14 Jahre, Chemnitz

Als Vaclav 1987 einen Brief vom Staat bekam, war er gerade 19 Jahre alt. Es war die Aufforderung, seinen Wehrdienst bei den Grenztruppen der DDR abzuleisten. Er hätte den Dienst an der Waffe verweigern können. Doch dann wäre er wahrscheinlich bei den Bausoldaten gelandet, einer Einheit, die für Verweigerer geschaffen worden war. Außerdem, das hörte er damals, würde Verweigerern der Zugang zu einem Studium verwehrt. Aus Angst vor den Konsequenzen meldete sich Vaclav also zum Dienst. Mein Onkel wusste nicht, was ihn erwartete: Er wurde im Grenzregiment Heiligenstadt stationiert.

An der "Grünen" Grenze hatte er die Aufgabe, jegliche Grenzdurchbrüche zu verhindern. Die Grenzanlage bestand aus einem hinteren und einem vorderen Sperrelement, das zusätzlich mit Stacheldraht, so genannten "Wildabweisern", gesichert war. Seine Einsatzbereiche richteten sich nach seinem Dienstplan. Zur Sicherstellung des Grenzdienstes existierte ein ganzes Dienstsystem. Zu diesem Zeitpunkt waren neben meinem Onkel noch rund 90 andere Soldaten und weiteres Dienstpersonal im Grenzort eingesetzt.

Gerade die jungen Grenzer hatten oft psychische Probleme. Der ideologische Druck, der auf ihnen lastete, war für viele zu groß. Ihnen wurde immer wieder erzählt, dass Flüchtlinge Vaterlandsverräter seien und der Osten die gute und der Westen die schlechte Seite sei. "Genau so wurde es uns beigebracht." Wenn mein Onkel das heute sagt, klingt seine Stimme anders, so ungläubig über diese Tatsache.

Er würde nie auf Menschen zielen können - das wusste mein Onkel schon bei seinem ersten Schießtraining. Im Falle einer Grenzverletzung hätte er absichtlich daneben geschossen, erzählt er mir heute. Er hatte das Glück, nie einen Mauertoten gesehen zu haben. Über diese Tatsache war und ist er sehr glücklich.

1989, als die Mauer fiel, wurde er im Rahmen eines Sondereinsatzes "ab nach Berlin" geschickt. Nun verrichtete er seinen Dienst direkt an der Berliner Mauer. Die Aufgabe der Grenzer war es, die Leute zurückzuhalten, die von der Mauer auf das Territorium der DDR gesprungen waren. Das war seine Arbeit in den Tagen rund um den 9. November. Fragt man ihn heute, was ihm in diesen Stunden an der Mauer durch den Kopf gegangen war, sagte er nur: "Mein Leben?"

Regelmäßige Kurzurlaube gab es nur an Wochenenden. Zu bestimmten Anlässen wurde auch verlängerter Kurzurlaub erteilt. Zu Hause wollte Vaclav nicht so recht über die Geschehnisse vor Ort reden. Sein Vater, mit dem konnte er hin und wieder sprechen. Er hatte seinen Wehrdienst auch an der Grenze geleistet und wurde später hin und wieder als Reservist einberufen. Mit seinen Freunden oder Geschwistern sprach Vaclav nur wenig über seine Grenzer-Zeit. So richtig abschalten konnte er aber nie. Die Medien waren voll von Bildern und Berichten und das, was seine Tätigkeit an der Grenze betraf.

Ein paar Jahre nach der Wiedervereinigung begann mein Onkel sich richtig gut zu fühlen. Seine Erfahrungen als Grenzer hatten keine weiteren persönlichen Auswirkungen. Die Zeit gehörte der Vergangenheit an. Nur eins ist geblieben: Die Erinnerung an seine Uniform. Heute würde er sich weigern, jemals wieder eine zu tragen. Auf die Frage, ob er denn noch seine alte Uniform besitzt, antwortet er lachend: "Ich habe nur noch meine Jacke. Die Hose und die Mütze sind bei Karnevalveranstaltungen draufgegangen."

Mein Onkel lebte früher in einer kleinen Stadt in Sachsen. Heute ist er aufgrund seiner Arbeit in Brandenburg zu Hause. Vaclav ist seit 10 Jahren mit Leib und Seele Lehrer für Französisch und Deutsch. Dass seine Schüler viel über das Leben in der DDR erfahren - das ist ihm besonders wichtig.

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