August 1989

Die Ständige Vertretung der BRD in Ost-Berlin wird wegen Überfüllung für den Besucherverkehr geschlossen. Über 130 DDR-Bürger halten sich in der Vertretung auf, um ihre Ausreise zu erzwingen. Auch die Bonner Botschaft in Budapest muss wegen Überfüllung geschlossen werden. Von dort wollen rund 180 Bürger der DDR ausreisen. In Sopron/Ungarn kommt es zur größten Massenflucht von Bürgern der DDR seit dem Mauerbau. Die Botschaft der Bundesrepublik in Prag wird wegen Überfüllung geschlossen. Rund 140 DDR-Bürger wollen von dort aus in den Westen übersiedeln. In Budapest erhalten 108 Bürger der DDR, die sich in der Botschaft der Bundesrepublik aufhalten, durch die ungarische Regierung als einmalige humanitäre Aktion die Ausreiseerlaubnis in den Westen. Eine Flüchtlingswelle nie geahnten Ausmaßes bricht sich Bahnen. Viele nutzen die Gunst der Stunde und kehren ihrem Land den Rücken. Was geht in den Menschen vor?

Jahrgang: 2009
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Foto: www.Rudis-Fotoseite.de / www.pixelio.de
Vom Berliner Hinterhof über Ungarn in die Freiheit - Irgendwo in den neuen Bundesländern, im hohen und schönen Norden, starrt jemand gespannt auf den Bildschirm seines Rechners. 2.000 Kilometer davon entfernt sitze ich, mit Headset und einer Tasse Tee gerüstet, vor meinem Laptop und öffne Skype. Mein Statussymbol wechselt von Off- zu Online - und unser ungewöhnliches Gespräch kann beginnen. Das Gespräch entwickelt sich von ganz alleine, wir haben beide vieles zu berichten. Irgendwann fällt unser Gespräch auf ein Thema, über das wir vorher nie richtig gesprochen haben. Ich frage: Wie war das eigentlich genau, als du aus der DDR geflohen bist?
Foto: Bildpixel / www.pixelio.de
"Wir hätten gehen können" - Die Kaffeemaschine gluckert vernehmlich, ab und zu klingelt das Telefon. Andrea S. und ich sitzen im Aufenthaltsraum einer Zahnarztpraxis. Andrea ist Zahnarzthelferin und ich besuche sie bei der Arbeit. Weiße Wände, weißer Kittel, Gipsreste und die Kaffeemaschine. Während die Zahnärzte mit den Patienten über die Behandlung sprechen, erzählt Andrea mir vom aufregendsten Urlaub ihres Lebens.
Foto: Jochen Sievert / www.pixelio.de
Flucht in eine ungewisse Zukunft - Es ist ein frischer Tag, ein sonniger Tag, ein Freitag. Ein gewöhnlicher Septembertag um die Mittagszeit in Potsdam. Frau Steller fährt mit dem Auto vor und winkt mir grüßend zu. Wir sind verabredet. Während wir zur Freundschaftsinsel laufen, erzählt mir Frau Steller, dass sie etwas aufgeregt ist. Sie weiß nicht, ob sie noch genügend weiß - von damals, der Zeit in der DDR von 1989. Woran wird sich Frau Steller erinnern?
Diagnose: Ärztemangel
Diagnose: Ärztemangel - Zwei Jahre vor dem Mauerfall bin ich im Oskar-Ziethen-Krankenhaus in Berlin-Lichtenberg geboren. Ein paar Jahre nach dem Mauerfall habe ich meine Großmutter Isolde Kny dort oft bei der Arbeit besucht. Was hier in den Zeiten der Ungewissheit und des Wandels einige Monate vor dem Mauerfall vor sich ging, wusste ich bis heute nicht. Meine Oma erzählt es mir. Dabei zeichnet sie ein Bild, dass sich so seinerzeit in vielen Betrieben und öffentlichen Einrichtungen in der DDR finden ließ.
Brunnen in Sopron (Ungarn)
"Westberlin ist ja nicht weit weg! Da ist nur eine Mauer dazwischen." - Die Sonne scheint durch das gardinenlose Fenster, wirft kleine Schatten von den im Wind tanzenden Blättern auf den blanken Fußboden. Schon die ersten Sätzen von Leonhard K. beleben die feste Entschlossenheit zu einem gefährlichen Abenteuer von damals, als er aus dem Osten in den Westen Berlins flüchtete - über die ungarische Grenze bei Sopron.
Stacheldraht an der ehemaligen Grenze
"Nicht ohne meine Familie!" - Bestecke klappern. Der Terrassenbereich der "Luisenstube" ist gut besucht, als mich Henrik Meier in seiner Gaststube empfängt. Er führt mich durch ein denkmalgeschütztes Fachwerk mit Laubengang und erzählt dabei, wie er das ehemalige Wirtschaftshaus zu einer kleinen Pension umgebaut hat. Wir setzen uns in den Garten. Während der Brunnen leise vor sich hin plätschert, erfahre ich vom Zwiespalt des ehemaligen Tänzers im August `89, als sich in Ungarn der "Sturm auf die Botschaften" ereignete.
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