Vom Berliner Hinterhof über Ungarn in die Freiheit

23.10.2009: Eine Fluchtgeschichte

Irgendwo in den neuen Bundesländern, im hohen und schönen Norden, starrt jemand gespannt auf den Bildschirm seines Rechners. 2.000 Kilometer davon entfernt sitze ich, mit Headset und einer Tasse Tee gerüstet, vor meinem Laptop und öffne Skype. Mein Statussymbol wechselt von Off- zu Online - und unser ungewöhnliches Gespräch kann beginnen. Das Gespräch entwickelt sich von ganz alleine, wir haben beide vieles zu berichten. Irgendwann fällt unser Gespräch auf ein Thema, über das wir vorher nie richtig gesprochen haben. Ich frage: Wie war das eigentlich genau, als du aus der DDR geflohen bist?

Mit dem Zug in die Freiheit

Von Valeria N., 18 Jahre alt, FSJlerin in Sarajewo

Er war nicht der einzige, der an diesem Tag am Ostbahnhof auf den Zug nach Ungarn wartete. Unzählige unauffällige Gestalten standen schon am Gleis, ihre bis zum Rande voll gefüllten Koffer ganz nahe bei sich. Mit dem Blick starr nach unten gerichtet erzeugten die anonymen Wartenden eine ironische Auffälligkeit. Jeder wer wusste, was vorging. Aber wer waren die, die es nicht wissen sollten?

Jeder in dem Zug hatte Schiss, sagt er und lächelt in sich hinein - wie ich wegen der schlechten Bildqualität mit einer Sekunde Verzögerung sehe. Kein Wunder, dass jeder im Small-Talk mit fremden Menschen aus seinem Wagenabteil beteuerte, er sei auf dem Weg in den Urlaub, ins schöne Ungarn. Denn noch war die Situation absolut brenzlig: Würde man es raus schaffen? Was droht einem, wenn man erwischt wird?

So große Angst wie bei der Grenzkontrolle durch die tschechoslowakischen Grenzer hätte er nur einmal vorher gehabt - als er bei seiner Musterung totalverweigerte. Und die Angst war begründet: Sowohl die deutsch-tschechoslowakische als auch die tschechoslowakisch-ungarische Grenze waren harte Grenzen mit intensiven Kontrollen. Wenn sie etwas Auffälliges fanden, lieferten die Tschechen aus. Schon Zeugniskopien hätten einen verraten, deswegen ließ er diese durch einen befreundeten Pastor aus der DDR heraus schmuggeln. Sein größtes Risiko war die Zahnpastatube, die er bei sich trug. Und es war wahrscheinlich eher Glück als Kreativität beim Ausmachen eines adäquaten Verstecks für die illegal mitgeführten DM, das ihn sicher auf der ungarischen Seite der Grenze ankommen ließ.

Zu Fuß in die Freiheit

Und auf einmal waren alle Voreingenommenheit und Zweifel gegenüber dem Gegenüber verflogen, das Eis, die kalte, immer gegenwärtig gewesene Angst, war geschmolzen. In Ungarn war dann Halligalli im Zug, beschreibt er die Lage und rückt seinen Schreibtischstuhl zurecht. Durch die schnellen Bewegungen ist er auf einmal nur noch ganz verpixelt auf meinem Bildschirm zu sehen, als er mir von fünf Jungs erzählt, die er dort kennengelernt hat. Mit einigen von denen sei die Reise dann auch weitergegangen, von Budapest aus. Wie in so vielen Ausnahmesituationen waren es die Taxifahrer, die die Lage schnell für sich zu nutzen wussten.

Ungarische Taxifahrer hatten sich in der Zeit darauf spezialisiert, flüchtige DDR-Bürger an die ungarisch-österreichische Grenze zu fahren. Und das hatte seinen Preis: Wer nicht zu Fuß nach Österreich wollte - und jeder wollte so schnell wie möglich dorthin - musste ordentlich bezahlen. Jeder musste alles geben, was er dabei hatte. Die 1.200 Forint pro Person für die Fahrt, das entspricht etwa der Hälfte eines DDR-Durchschnittsmonatslohns, beinhalteten aber keinen großen Luxus. Direkt an der Grenze wurden die vier rausgeschmissen und machten ihre letzten Schritte in die Freiheit zu Fuß.

Jetzt waren sie im Westen. In Freiheit? Was hat ihn dahin geführt? Was hat ihn zu einem der unzähligen Republikflüchtlingen gemacht?

Ostberliner Mikrorebellionen

Als Sohn von zwei Diakonen wuchs er in einem protestantisch geprägten Umfeld auf. Er war nie in der FDJ, die Sommerferien verbrachte er in Ungarn, auf christlichen Sommerlagern, wo man Jugendliche aus ganz Europa traf. Er wuchs zwar in der DDR auf, war aber nie mit Leib und Seele dort.

Repressalien: Er durfte sein Moped nicht auf dem Schulhof abstellen, er durfte kein Abitur machen. Diese während seiner frühen Jugend entwickelte trotzige Haltung gegenüber dem Staat behielt und verstärkte er, als er von zu Hause wegging.

In Ostberlin erlebte er das alternativ kulturelle Leben im Schatten der Öffentlichkeit. Und wenn er zum Beispiel Freunde aus Westberlin, die ein Tagesvisum für Ostberlin gekauft hatten, bis 24 Uhr zum Tränenpalast zurückgebracht hatte, kam seine Begabung im Umgang mit "Autoritäten" mal sehr gelegen: Man wurde gefragt, warum man sich mit Westdeutschen getroffen hat, wann man das wieder vorhat und etwa, ob man Geschenke erhalten hat. Ihm war es unglaublich wichtig, betont er, bei diesen Befragungen seinen Stolz zu bewahren. Zu sagen, was man wirklich denkt. Dabei nicht zu frech zu werden und im Notfall diplomatisch zurück zu rudern. Bei diesen Mikrorebellionen ging es schließlich nicht darum, die Nacht im Gefängnis zu verbringen.

Frech sein hatte durchaus seinen Scharm: Bei Gethsemanekirche, wo er sich im dritten oder vierten Hinterhof eine Wohnung mit Punks, Schwulen und anderen Andersdenken teilte, war immer was los. Und dabei galt es, so oft wie einfach nur möglich seinen Perso bei der Stasi vorzeigen zu müssen. Dabei sein und stänkern, charakterisiert er diese Zeit mit einem Blick auf die Uhr.

Weiterstänkern?

Mit der Zeit merkte er, dass viele Menschen in seinem Umfeld sich mit der DDR abgefunden hatten. Sie hatten sich arrangiert und waren zufrieden mit ihren Nischen im Schatten der Öffentlichkeit, in denen sie sich frei entfalten konnten. Für ihn war das keine Alternative, höre ich aus seiner Kritik heraus. Denn auf der anderen Seite hörte man von den echten Freidenkern seines Bekanntenkreises - unter anderem Schauspieler, Freiberufler - dass sich einer nach dem anderen absetzte. Die Ostberliner Kneipen- und Klubkultur verlor ihre wirklichen Träger. Welcher Seite schloss man sich nun an?

Dazu kam, dass in seinem Hinterkopf die 3.000 getöteten Chinesen vom Platz des himmlischen Friedens in China herumschwirrten. Auch die vermehrten Polizeiübergriffe in Berlin bewirkten eine gewisse Unsicherheit. Was würde jetzt passieren? Was bedeuten die vollkommen aufgerüsteten Ostberliner Polizisten, und was bedeutet Gorbatschows Besuch?

In Absprache mit seinen Eltern besorgte er sich ein Visum für Ungarn. Allen war bewusst: Dieser Schritt bringt die gesamte Familie in Gefahr. Ewige Repressalien, vielleicht sogar Gefängnis. Wer wusste schon, wie morgen, wie die Zukunft aussah? Zwar stand man an einem Wendepunkt, doch den Mauerfall vom 9. November '89, den hätte er keinesfalls vorausgesehen.

Ein Glücksfall, es war ein Glücksfall, betont er immer wieder. Der 9. November war eine ideale Kombination aus Gorbatschow und Menschen, die den Mut hatten, auf die Straße zu gehen, sowie diversen Autoritäten, die zur richtigen Zeit nichts unternommen haben. Menschen mit Zivilcourgage, zum Beispiel die Grenzer an der Bornholmer Straße. Und auch der kleine, unbedeutende Polizist, der ihm das Visum für Ungarn ausstellte und dabei genau wusste, dass es zur Flucht dienen würde, war ein entscheidender Faktor für den Mauerfall.

Doch von Mauerfall konnte noch nicht die Rede sein, als er sich zur Flucht entschieden hat. Natürlich fühlte er sich wie ein Wegläufer. Aktiv zur Veränderung der Lage betragen, stark und organisiert im Untergrund arbeiten - diesen Weg hat er nie eingeschlagen, sagt er mit klarer Stimme. Ein wenig Selbstkritik fliegt mit. Und viele wichtige Freunde wären weggegangen, die Eltern seinen im Geiste auch nie wirklich in diesem System gewesen, von dem sie ganz und gar nicht überzeugt waren. Der Schritt des Sohnes war ihnen sehr willkommen und, so haben sie es vermutlich aufgefasst, eine Bestätigung einer erfolgreichen Erziehung.

Neuer Beginn im anderen Deutschland

Alles das ging ihm wohl durch den Kopf, als er österreichischen Boden betrat. Mit Bussen wurden die Flüchtigen in Auffanglager, Bundeswehrkasernen gebracht. Sie bekamen eine Mahlzeit und ein "Startguthaben" von der Bundesrepublik. Von diesem Geld rief er seine Kontaktperson an und gab die Ankunftszeit seines Zuge in der nordrhein-westfälischen Stadt, die er für kurze Zeit sein zu Hause nennen würde, durch. Er meldete sich als Bundesbürger an, eröffnete sein Sparkassenkonto und suchte sich einen Job mit Hilfe des Arbeitsamtes - alles ohne weitere Probleme. Nur einer seiner ersten Briefe, ein Brief von der Bundeswehr, seine Musterung würde auch in der BRD anerkannt werden (die Totalverweigerung allerdings nicht), sollte ihm noch Jahre zu schaffen machen. Noch bis zu der Zeit, als wir uns bereits kannten.

Gemeinsam erinnern wir uns - jeder in seiner eigenen Wohnung, nur verbunden durch Mikrofon, Kopfhörer und Webcam - an diese Zeit und kommen dabei ganz vom Thema ab. Mittlerweile sitzt er nicht mehr direkt vor seinem Bildschirm, er hat sich schrägt über den Schreibtischstuhl gelegt. Das schlechte Mikro verschluckt nun viele seiner Worte. Es ist spät, und es gibt noch viele wichtige Dinge zu besprechen. Man muss mehr in die Zukunft schauen, besonders 20 Jahre nach dem Mauerfall, sagt er zum Abschied.

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