"Wir hätten gehen können"

21.10.2009: Urlaub in Ungarn

Die Kaffeemaschine gluckert vernehmlich, ab und zu klingelt das Telefon. Andrea S. und ich sitzen im Aufenthaltsraum einer Zahnarztpraxis. Andrea ist Zahnarzthelferin und ich besuche sie bei der Arbeit. Weiße Wände, weißer Kittel, Gipsreste und die Kaffeemaschine. Während die Zahnärzte mit den Patienten über die Behandlung sprechen, erzählt Andrea mir vom aufregendsten Urlaub ihres Lebens.

Budapest, Ungarn

Von Annika Maslewski, 16 Jahre alt, Schülerin aus Perleberg

Die junge Frau - Mitte 40 - trägt die Haare offen. Ihre Augen schauen nachdenklich, als sie sich an den Sommer 1989 erinnert. Sie ist damals 24 Jahre alt und mit ihrem Freund und dessen kleiner Schwester im Urlaub in Ungarn. Zu diesem Zeitpunkt muss man sich nicht mehr Wochen zuvor bei der Jugendtouristik melden, um überhaupt fahren zu dürfen. Jetzt geht das einfach so.

"Ich hatte Angst"

Wie war es, so dicht neben der Freiheit zu stehen? "Natürlich haben wir mitbekommen, dass der Grenzzaun durchgeschnitten wurde." Sie lacht. "Aber was hättest du getan? Wir wussten, dass wir jetzt hätten gehen können. Auf einmal in den Westen - hin zu all dem, was in Zeitschriften und im Fernsehen immer angepriesen wurde. Die Welt war bunt. Aber ich hatte Angst." Andrea zuckt mit den Schultern und dreht einen Stift zwischen ihren Fingern. Die Kaffeemaschine gibt einen unerhörten Laut von sich und gluckert dann still weiter. Der Zahnarzt begrüßt einen neuen Patienten auf seinem Behandlungsstuhl.

Schon ab Mai 1989 begann Ungarn offiziell mit dem Rückbau der Grenzanlagen. Der offizielle Grund war so einfach wie unglaublich: Der Zaun sei verrostet, es gäbe keinen Nachschub aus Polen und Ungarn wolle kein Geld mehr für eine Trennungsmaßnahme bezahlen, die es selbst für unsinnig hielt.

Der Trabi daheim

Am 19. August öffnete Ungarn seine Pforten für symbolische drei Stunden. Dieses "Paneuropäische Picknick" zwischen St. Margareten und Sopron nutzten etwa 700 DDR-Bürgerinnen und -Bürger zur Flucht. Dass nichts passierte, ist vor allem der Zurückhaltung der ungarischen Grenzsoldaten zu verdanken.

"Ich hatte vor allem Angst davor, was meinen Eltern passieren würde, wenn ich einfach über die Grenze ginge. Würden sie ihre Arbeit verlieren? Oder sogar eine Freiheitsstrafe erhalten?" Andrea schüttelt den Kopf. Der Stift in ihren Händen dreht sich schneller, das Telefon klingelt. "So blöd es sich auch anhören mag," die 44-Jährige lächelt und schaut auf die Tischdecke. "Ich hatte Angst um meinen Trabi. So ein Auto war ja schließlich wertvoll" Kleine Lachfältchen um ihre Augen werden sichtbar. Trotzdem sieht Andrea jugendlich aus, so als hätte sie sich zusammen mit ihrer Geschichte zurück in die Vergangenheit versetzt.

"Außerdem hatte ich nicht nur Verantwortung für mich selbst, meinen Freund und seine 18-jährige Schwester. Ich wusste zu diesem Zeitpunkt bereits, dass ich schwanger war." Andreas Blick schweift ab. Die Kaffeemaschine verkündet mit einem lauten "Kick", dass sie fertig ist, und Andrea schenkt uns das Heißgetränk ein. "Allein in einem fremden Land mit einem noch ungeborenen Kind. Das wollte ich nicht. Das war mir zu unsicher."

Die Flucht über die Grenze Ungarns stellte für viele andere DDR-Bürger ihr einziges Heil dar. Von der Regierung unterdrückt, eingeschränkt im Willen, bespitzelt von den eigenen Freunden. Befremdete DDR-Bürger verließen die Ostseite voller Hoffnung. Viele, die Familie hatten, jemanden, um den sie sich kümmern mussten, blieben zurück. Aus Angst, aus Pflichtbewusstsein, aus Treue.

Die richtige Entscheidung?

"Ich hatte mich entschlossen, hier zu bleiben." Andrea nimmt einen Schluck von ihrem Kaffee und sieht mich über den Rand ihrer Tasse an. "Ich hatte beschlossen, hier meine kleine Familie zu gründen. Doch als wir dann an der Grenze standen, fragte ich mich, ob diese Entscheidung richtig war." Andrea schüttet den Kopf. Man sieht ihr die Verwirrung von damals noch heute an. "Wir hatten Zeitschriften in Ungarn gekauft. Zeitschriften, die es bei uns nicht gab. Die Grenzbeamten entdeckten diese und beschimpften uns unter wildem Gebrüll als Staatsfeinde. ‚Warum?’, dachte ich mir. Weil wir zurück gekommen sind?"

Die 44-Jährige nimmt wieder ihren Stift zwischen die Finger. "Die kleine Schwester meines Freundes war auf dem Rücksitz schon total fertig. Tränen liefen ihr über das Gesicht und ich war kurz davor, mit einzustimmen, als der Zollbeamte schließlich mit den Heften in der Hand in seinem Häuschen verschwand."

Andrea schüttelt den Kopf, des Blick fest auf den Stift, als sie plötzlich aufsieht. "Ich glaube, dass die Beamten selbst ein bisschen Abwechslung nötig hatten und die Hefte selbst gelesen haben. Die bekamen so was wohl auch nicht alle Tage zu Gesicht." Sie scherzt und sieht dabei in ihre nun leere Tasse.

"Keine Ahnung, ob ich das Richtige gemacht habe. Aber wer kann schon immer genau sagen, dass er alles richtig gemacht hat?" Andrea seufzt und füllt ihre Tasse erneut mit Kaffee. Das Ende der DDR stand bevor. Viele Menschen waren jetzt schon im Westen. In einigen Wochen würde es kein "Drüben" mehr geben, nur noch ein Deutschland.

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