Flucht in eine ungewisse Zukunft

21.10.2009: Hoffen und Warten daheim

Es ist ein frischer Tag, ein sonniger Tag, ein Freitag. Ein gewöhnlicher Septembertag um die Mittagszeit in Potsdam. Frau Steller fährt mit dem Auto vor und winkt mir grüßend zu. Wir sind verabredet. Während wir zur Freundschaftsinsel laufen, erzählt mir Frau Steller, dass sie etwas aufgeregt ist. Sie weiß nicht, ob sie noch genügend weiß - von damals, der Zeit in der DDR von 1989. Woran wird sich Frau Steller erinnern?

Gebäude aus DDR-Zeiten

Von Mimoza Troni, 21 Jahre alt, Studentin aus Berlin

Inmitten der Idylle einer Blumenvielfalt erwartet uns eine strahlend weiße Bank. Hier werden wir die nächste Stunde verbringen. Ich werde zuhören, während sich Frau Steller an die Fluchtwellen aus der DDR erinnert. Es ist eine ruhige Atmosphäre und die Art, in der Frau Steller spricht, lässt erkennen, dass sie die Jahre in der DDR gern verbracht hat. Sie bezeichnet sich und ihre Familie als "uralte DDR-Bürger, die bodenständig und in der Region alteingesessen waren." Diese Region, die zufällig zur DDR gehörte, prägte ihre Kindheit, ihr Leben - und damit war sie Teil dieses Landes und "das, was geschah, soweit wir es erfahren haben, war akzeptiert." Auch die Meinung über diejenigen, die der DDR den Rücken kehrten, teilte Frau Steller mit den offiziellen Medien. Auch wenn es Anlass zur Kritik gab, "die mehr oder weniger geäußert wurde", konnte sie sich nicht vorstellen, diesen Staat abzulehnen oder gar zu verlassen.

Flucht vor der materiellen Dürre

In der DDR hatte Frau Steller, damals 46 Jahre alt, ihre Kinder, ihre Arbeit und sie fühlte sich sicher. Was es in der DDR nicht gab, war der materielle Reichtum, den die meisten aus dem Westfernsehen kannten. Und darin sieht Frau Steller den ersten Grund für die vielen Fluchtbewegungen: "Aus unserer Sicht suchten sie das bequeme Leben, die Schaufenster und das, was es bei uns nicht gab." Frau Steller erinnert sich aber auch daran, dass es vor allem junge Leute waren, die diesen Schritt gingen. Leute, die noch nicht so gefestigt und verwurzelt waren und für die auch die Möglichkeit eines Neuanfanges bestand.

Und dennoch "war es mir regelrecht suspekt, wenn ich an die Prager Botschaft denke, als die Kinder über den Zaun geworfen wurden, damit man sicher auf dem Botschaftsgelände war. Das ist mir unbegreiflich, wie man so handeln konnte." Ihre Stimme wird kräftiger, während sie davon spricht: "Es war nicht so, dass ich kein Verständnis hatte, weil ich eine Gefahr für Leib und Leben sah, sondern weil man sich und die Kinder in eine ungewisse Zukunft stürzte. Denn die, die raus gingen, wussten überhaupt nicht, was sie erwartet. Vielleicht hatte der eine oder andere Verwandte an die er sich wenden konnte, ansonsten kamen sie in ein fremdes Land mit einer fremden Gesellschaftsordnung und Ansprüchen. Sie konnte überhaupt nicht damit rechnen, dass sie Arbeit finden, eine Wohnung haben oder Geld verdienen."

Ein Anruf aus Budapest

Frau Steller war nicht die einzige, die diese Meinung vertrat. Auch im Umfeld gab es die gleichen Reaktionen. Und umso größer war der Schreck, als sich jemand aus ihrem Freundeskreis davon machte. "Es war die Sommerzeit `89," als eine ehemalige Schülerin von Frau Steller, die zudem die Tochter einer Freundin war, eines Tages anrief. Die 18-Jährige war nach Budapest geflohen. Sie erinnert sich, dass "in der Familie die Hölle los war. "Da hat alles nur geweint." Die Angst, die eigene Tochter nie wieder zu sehen, war für die Freunde von Frau Steller groß. "Und ich hab das, weil wir befreundet waren, nachempfinden können. Das war ein Drama."

Im Nachhinein…

Das höre ich mehrmals. Zum Beispiel, als sie mir sagt, dass sie erst später erfuhr, welche Rolle die Staatssicherheit gespielt hatte. "Im Nachhinein ist mir bekannt geworden, dass es über die Staatssicherheit eine Reihe von Repressalien gab, die viele Menschen zu erleiden und zu erdulden hatten." Davon wusste sie in den 80ern aber nichts, und als Lehrerin wurden sie und ihre Kollegen "auf die Spur gebracht." Wenn man damals doch von etwas erfahren hat, wollte man es nicht wahrhaben oder konnte es nicht glauben.

Obwohl sich Frau Steller dem Sozialistischen Staat gefügt hatte, berührt sie das, was sie im Nachhinein erfuhr, noch immer. Wenn sie erzählt, dass die vielen Bauern die DDR verließen, weil man sie zur Gemeinschaftsproduktion (LPG) auch mit Beschimpfungen und viel Druck zwingen wollte, dann wird ihre Stimme leiser, ihr Blick verliert sich in die Weite.

Ein letztes Nachhinein findet sich wieder, als Frau Steller die DDR-Fluchtwellen mit einzelnen Schlagworten beschreiben soll: einerseits das Streben nach einem besseren Leben und Wohlstand. Andererseits Unsicherheit und Heimatlosigkeit. Heute würde sie das sogar als mutig bezeichnen, "demzufolge wäre das, was ich gemacht habe, weniger mutig." Beate Steller erinnert sich in diesem Septembertag an den Sommer vor 20 Jahren, als die DDR ihre Bürger verlor.

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