Diagnose: Ärztemangel

07.09.2009: Folgen des Flüchtlingsstroms für ein Berliner Krankenhaus

Zwei Jahre vor dem Mauerfall bin ich im Oskar-Ziethen-Krankenhaus in Berlin-Lichtenberg geboren. Ein paar Jahre nach dem Mauerfall habe ich meine Großmutter Isolde Kny dort oft bei der Arbeit besucht. Was hier in den Zeiten der Ungewissheit und des Wandels einige Monate vor dem Mauerfall vor sich ging, wusste ich bis heute nicht. Meine Oma erzählt es mir. Dabei zeichnet sie ein Bild, dass sich so seinerzeit in vielen Betrieben und öffentlichen Einrichtungen in der DDR finden ließ.

Von Josefa Kny, 21 Jahre alt, zurzeit Studentin in Stockholm

Bis 1995 war meine Großmutter Medizintechnische Assistentin in der Histologie und Zytologie im Oskar-Ziethen-Krankenhaus. Um Zellen und Zellverbände zu untersuchen, stellte sie Schnitte von Organen her und begutachtete sie unter dem Mikroskop. In der kleinsten biologische Einheit ließen sich so die Ursachen für allerlei Krankheiten finden. In ihrer Labor-Tätigkeit arbeitete sie nicht mitten im Krankenhausgeschehen. Stimmungen und Gerüchte schwappten aber immer schnell in die kleine Villa der Pathologie herüber.

Die Probleme der DDR blieben auch im Lichtenberger Krankenhaus nicht unbemerkt. Die Laboranten hatten mit Engpässen von Zellstoff und Objektträgern zu kämpfen. Lange Zeit konnten die Mitarbeiter darüber lachen: "Wir trocknen den Zellstoff auf der Wäscheleine und benutzen ihn wieder", scherzte meine Oma damals. Aus hygienischen Gründen natürlich unmöglich. Auch die Stasi-Männer, die ab und an ein Laborzimmer besetzten, um Anwohner im Haus gegenüber zu bespitzeln, nahm man routiniert zur Kenntnis. Doch die Monate vor dem Mauerfall fühlten sich anders an: "Man merkte, dass es brodelt und kocht in den Massen", sagt Isolde Kny.

Urlaub für immer

Nachdem im Juni 1989 die Grenzsperren zwischen Österreich und Ungarn abgebaut worden waren, sahen viele Bürger der DDR Licht am Ende des Tunnels: Ein Übersiedeln in den Westen müsste doch jetzt möglich sein! Die folgenden Monate, Juli und August, galten in der DDR als Haupturlaubszeit. So fragte sich auch die Belegschaft des Oskar-Ziethen-Krankenhauses insgeheim bei allen Kollegen, die eine Reise nach Ungarn geplant hatten, ob sie jemals wieder das Eingangstor des Krankenhauses passieren würden. Viele verrieten ihr Reiseziel erst gar nicht.

Ging es um das in der DDR offiziell verachtete Ausreisen, stand Schweigen auf der Tagesordnung: "Geredet wurde darüber überhaupt nicht", stellt meine Großmutter fest. Nur durch Mundpropaganda hörte sie, wo Schwestern nicht aus dem Urlaub zurückgekommen waren und dass dieser oder jener Arzt fehlte. Mehr erfuhr kaum jemand. "Du wusstest ja nie, wen du vor dir hast. Es hätte immer jemand sein können, der dich aushorchen will", seufzt sie.

Warum gerade Ärzte die Flucht ergriffen, liegt für Isolde Kny auf der Hand. Ärzte hatten in der DDR eine sichere Arbeit und ein hohes Ansehen. Für DDR-Verhältnisse verdienten sie sehr gutes Geld, dass sie im Land aber kaum richtig ausgeben konnten: "Die wollten einfach mal nach Italien in den Urlaub oder Mercedes fahren", weiß meine Großmutter. Auch eine eigene Praxis zu eröffnen oder sich nach Interesse zu spezialisieren schien unmöglich. Mit solchen Wünschen lief man in der DDR wortwörtlich gegen Mauern. Hinzu kommt - wie seinerzeit so häufig - ein politisches Hindernis: Der Wunsch nach einer höheren Stelle setzte meist die Mitgliedschaft in der SED voraus.

Überstunden

Für den Ablauf im Krankenhaus bedeuteten fehlende Fachärzte Lücken, die nicht so schnell zu füllen waren. Die Stationen des Oskar-Ziethen-Krankenhauses mussten gegen Ende des Sommers mit weitaus weniger Chirurgen, Internisten und anderen Spezialisten auskommen. Operationen fielen aus, längere Arbeitsschichten standen an. Für viele Oberärzte hieß das zum Beispiel Wochenenddienst - durchgängig von Freitagnachmittag bis Montagnachmittag. Zwar konnten sie sich im Hintergrund halten, solange die Assistenzärzte die Lage im Griff hatten. Für brenzlige Situationen mussten sie jedoch ständig abrufbar sein.

Ersatz tauchte bis zum Fall der Mauer nicht auf. Einerseits lag das an der begrenzten Zahl der Studienplätze in der Medizin, andererseits rückte auch aus anderen Bundesländern niemand nach. Personal wurde dennoch nicht öffentlich angeworben. Die Berliner Ärzte in der DDR hatten alle an der Charité gelernt. Die Personalabteilung des Krankenhauses, die so genannte Kaderabteilung, bezog ihre Schäfchen daher oft direkt von dort, meist über Mundpropaganda. In der Zeit vor dem Mauerfall offensichtlich ohne Erfolg.

Wie es den Patienten in dieser Zeit erging, weiß Isolde Kny nicht genau. Die Betreuung im Krankenhaus lag sowieso im Mittelmaß. Mal waren Krankenschwestern und Ärzte überarbeitet, mal fehlte es an Material. "Weil so viele Kollegen fehlten, wurde geschoben und wirklich viel getan, damit alles klappt", erinnert sich meine Großmutter. Doch auch mit den Patienten konnte sie sich nicht offen unterhalten: "Du wusstest nie, wen du da vor dir liegen hast."

Eigene Entscheidungen

Nach der Wende hat sich das Oskar-Ziethen-Krankenhaus komplett neu geordnet. Neues Fachpersonal kam auch aus Westdeutschland. Selbst manche der einstigen Flüchtlinge fanden den Weg zurück nach Ostberlin. Ihren Lebensunterhalt verdienten sie sich dann allerdings nicht mehr im Oskar-Ziethen-Krankenhaus, sondern in ihren eigenen Arztpraxen. Denn sie waren endlich frei, selbst zu entscheiden.

Auch meine Oma ist froh, heute alles selbst entscheiden zu können: "Es ist uns damals eine Öffentlichkeit genommen worden, die jedem Menschen zusteht", fasst sie zusammen. Im Moment freut sie am meisten an ihrer Entscheidungsfreiheit, dass sie einfach so beschließen kann, ihre Enkeltochter ein paar Tage in Stockholm zu besuchen. Zum Glück!

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