"Westberlin ist ja nicht weit weg! Da ist nur eine Mauer dazwischen."

04.09.2009: Flucht von Ost- nach Westberlin - über Ungarn

Die Sonne scheint durch das gardinenlose Fenster, wirft kleine Schatten von den im Wind tanzenden Blättern auf den blanken Fußboden. Schon die ersten Sätze von Leonhard K. beleben die feste Entschlossenheit zu einem gefährlichen Abenteuer von damals, als er aus dem Osten in den Westen Berlins flüchtete - über die ungarische Grenze bei Sopron.

Brunnen in Sopron (Ungarn)

Von Josefine Gottschalk, 18 Jahre alt, Schülerin aus Berlin

Lange genug hatte Leonhard K. mit angesehen, wie immer mehr Leute in den Westen flohen. Sein Freundes- und Bekanntenkreis schrumpfte spürbar.

Er wohnte damals mit seiner Familie am Koppenplatz in Berlin-Mitte, wo er auch die Schule besuchte. Dieser Wohnort war nicht allzu weit entfernt von dem Grenzübergang in der Brunnenstraße, ebenfalls in Berlin-Mitte. Im August 1989 war es für Leonhard so weit: Er wollte aus dem eigenen Land fliehen. Einen detaillierten Plan hatte er nicht, sagt er heute. Es sei alles mehr zufällig passiert, sagt er heute: "Es muss Menschen geben, die ein bisschen risikofreudig sind, Abenteurer, die etwas ausprobieren wollen. Ich bin jemand, der gern ausprobiert. Deshalb habe ich mir keine Gedanken darüber gemacht, was passieren könnte, wenn ich gefangen genommen werden würde. Ich bin davon ausgegangen, dass ich das schaffe!"

Wenn nicht legal, dann eben illegal!

Spektakuläre Fluchten, wie beispielsweise die des Mannes, der sich ein U-Boot baute, um über die Ostsee zu entkommen, oder auch die Gruppe junger Leute, die sich mit selbst geschneiderten Uniformen als sowjetische Offiziere durch die Grenzkontrollen in den Westen mogelten, begeistern Leonhard K. - selbst wenn sie Zeugnis der hochgradigen Verzweiflung sind. "Darauf muss man erst einmal kommen! Da kann man sehen, wie kreativ die Menschen geworden sind. Wenn es keinen legalen Ausweg gibt, dann eben einen illegalen!"

Warum weg? Weil im DDR-Regime gewisse menschliche und individuelle Grundbedürfnisse nicht abgedeckt waren. "Materiell gab es nicht viel", erinnert sich Leonhard K. "Es gab nicht viel zu kaufen, ob zum Anziehen oder zum Essen. Bananen zum Beispiel einmal in drei Monaten, exotische Früchte die gab es gar nicht! Man konnte sich nie etwas leisten. Ein Auto war unmöglich. Man musste zehn Jahre warten, ehe man eines bekommen hat."

Doch nicht nur diese Mängel heizten die Unzufriedenheit an. "Man konnte sich nicht weiterentwickeln. Wer politisch nicht mitgezogen hat, konnte nie etwas erreichen. Das war für mich eine absolute Einengung menschlicher Bedürfnisse."

"Ein Wunder, dass wir es so lange ausgehalten haben!"

Unterdrückung der freien Meinungsäußerung, Freiheitsentzug, Bevormundung, fehlende Güter, die heutzutage jeder Durchschnittsbürger besitzt - das sind laut Leonhard K. die Hauptgründe für das wachsende Misstrauen der DDR-Bürger gegenüber ihrem Land und ihrer Regierung. Sein Umfeld bestand aus Menschen, die etwas antreiben wollten und nicht gern ein Blatt vor den Mund nahmen. "Daher war das Leben in der DDR für uns auch so schwierig. Ein Wunder, dass wir das solange ausgehalten haben!"

Am 16. August 1989 machte sich Leonhard K. auf den Weg in eine andere Welt. "Eigentlich wollte ich diesen Weg gemeinsam mit meinem besten Freund gehen. Doch einige Tage, nachdem wir darüber geredet hatten, war er spurlos verschwunden." Sein Vertrauen gegenüber anderen Menschen habe dadurch sehr gelitten.

Erwischt

Er macht sich auf den Weg nach Ungarn, Sopron. Ein Wald bildete die Grenze zu Österreich, gespickt mit patrouillierenden Grenzsoldaten. Leonhard K. beobachtete sie einige Tage lang, bis er die Patroulliengänge und die Ortschaft so gut wie auswendig kannte. Dennoch scheiterte der erste Versuch - Leonhard wurde von Grenzsoldaten aufgegriffen. Er wurde in ein Flüchtlingslager nach Budapest gebracht, wo er auf eine "Unerwünschtheitsdeklaration" warten sollte, um anschließend in die BRD "abgeschoben" zu werden. Da dies zu ungewiss für Leonhard K. war, flüchtete er aus dem Lager, kehrte nach Sopron zurück und wagte einen neuen Versuch, durch den Wald zu entkommen. Diesmal gelang es.

Die erste Nacht in Freiheit verbrachte Leonhard K. in einer österreichischen Kleinstadt. "Die Österreicher haben sich gefreut und mir ein Bier spendiert", freut er sich. Am nächsten Tag brach er auf nach Wien, um dort seine bundesdeutschen Papiere anzufordern. Anschließend wollte er wieder zurückkehren in seine Heimat, nach Berlin. Nur auf die andere Seite der Mauer. "Wenn man Verwandte hatte, konnte man angeben, dass man dort hin wollte", erklärt Leonhard K.

Tatsächlich kam er nach Westberlin in ein Lager, das sich nahe an dem Wohnort seiner Familie befand. Zwar konnte er seine Angehörigen nun nicht mehr sehen, doch das wäre halb so schlimm: "Die haben mir das nie übel genommen. Damals fand ich die Trennung halb so wild. Da war ja nur eine Mauer dazwischen!" Er lächelt.

Heute lebt Leonhard K. zwar noch immer in Berlin, aber wieder im Osten. Er hat eine Familie gegründet und arbeitet als Lehrer an einem Berliner Gymnasium. Als ich frage, ob er sich noch einmal ein Leben mit der Mauer vorstellen könne, sagt er: "Ich kann nicht verstehen, dass manche sich das wieder zurückwünschen! Selbst die, die damals mit geschwommen sind, haben heute mehr, als wir früher je hätten haben können!"

Erinnerungen an das Paneuropäische Picknick An der Stelle des Grenzdurchbruches 1989 in Sopronpuszta wird jedes Jahr am 19. August das Treffen der Völker Europas veranstaltet. Durch die damaligen Ereignisse und die Entscheidung der Regierung vom 10. September kam es zum Fall der Berliner Mauer und zur Wiedervereinigung Deutschlands. Die Veranstaltung, die den Abriss des Eisernen Vorhanges und den Gedanken eines gemeinsamen Europas ohne Grenzen thematisiert, wird zu Jubiläumsanlässen mit einem Europakonzert abgeschlossen, Veranstaltungsort dafür ist das Felsentheater in Fertőrákos. Auf dem Gelände des Steinbruches finden wir eine Metallplastik - eine Arbeit von Gabriela von Habsburg -, die ein Stück des Eisernen Vorhanges darstellt und als Memento für die Ereignisse der Geschichte stehen soll. Quelle: www.portal.sopron.hu
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