"Nicht ohne meine Familie!"

01.09.2009: Bleiben statt gehen - Entscheidung für Neustrelitz

Bestecke klappern. Der Terrassenbereich der "Luisenstube" ist gut besucht, als mich Henrik Meier in seiner Gaststube empfängt. Er führt mich durch ein denkmalgeschütztes Fachwerk mit Laubengang und erzählt dabei, wie er das ehemalige Wirtschaftshaus zu einer kleinen Pension umgebaut hat. Wir setzen uns in den Garten. Während der Brunnen leise vor sich hin plätschert, erfahre ich vom Zwiespalt des ehemaligen Tänzers im August `89, als sich in Ungarn der "Sturm auf die Botschaften" ereignete.

Von Julia Meier, 26 Jahre alt, Studentin in Potsdam

Stacheldraht an der ehemaligen Grenze

Anfang August 1989 ist Hendrik mit seiner Frau und den beiden kleinen Kindern auf Usedom. Die junge Familie macht Urlaub. "Es war eine Art Hochzeitsreise, im Juli hatten wir geheiratet", sagt er lächelnd.

Der Start in die Erholung misslingt zunächst. Der Trabant, der die Familie an ihr Reiseziel bringen sollte, gibt bereits nach fünf gefahrenen Kilometern den Geist auf. "Dem haben wir wohl zu viel zugemutet mit unserem Reisegepäck", scherzt Henrik Meier. Glücklicherweise springen Nachbarn ein und verleihen ihren Pkw. Die Ferienresidenz besteht aus einer umgebauten, feuchten Garage. Die Unterkunft hatten sie sich privat besorgt. Von den 14 Tagen Urlaub regnet es zehn Tage lang, erzählt der Gastronom, "aber wir waren sehr glücklich".

Während des Urlaubs verfolgen sie keine Nachrichten. Einen Fernseher gibt es nicht und wenn, hätten sie auf der Ostseeinsel nur DDR-Sender empfangen können. Dass Ungarn seine Grenze zu Österreich geöffnet hat, erfahren Henrik und Elke erst, als sie wieder zurück in Neustrelitz sind und ihrer Arbeit im Staatlichen Volkloreensemble der DDR nachgehen. Dort war Henrik seit 1984 Tänzer; seine Frau spielte im Orchester Violine.

"Asoziale und Kriminelle"

Mit der Öffnung der Grenze gestattete Ungarn seinen Bürgerinnen und Bürgern, in den Westen zu reisen. "Die haben versucht, den Sozialismus lockerer zu gestalten", sagt Henrik. Die Gunst der Stunde nutzen auch zahlreiche unzufriedene Menschen aus der DDR. Illegal, versteht sich.

Die Berichterstattung in den Medien der DDR diffamiert die Flüchtlinge. Der ehemalige Tänzer erinnert sich: "Es wurde behauptet, die innere Sicherheit des Landes würde dadurch gefährdet. Die DDR Bürger, die über die ‚grüne Grenze’ in den Westen flohen, wurden als Asoziale und Kriminelle dargestellt, als Nicht-Sozialisten, die sich von materiellen Dingen blenden ließen und die Werte unserer Errungenschaften nicht richtig einschätzen könnten". Kopfschüttelnd fügt er hinzu: "Politisch Andersdenkende wurden in der DDR immer unterdrückt".

Stacheldraht für die eigenen Bürger

Ich frage Henrik Meier, wie es zu der Massenflucht von DDR-Bürgerinnen und -Bürgern kam. Er berichtet von den ersten Demonstrationen in Leipzig im Frühjahr des Jahres 1989. Zu dem Zeitpunkt war der Tänzer dort gerade mit dem Volkloreensemble unterwegs. In eine dieser Demonstrationen geriet er unfreiwillig: "Ich bin vormittags aus dem Hotel gekommen und habe Leute mit selbst gebastelten Plakaten gesehen, auf denen ‘Freiheit‘ stand". Dann musste er mit ansehen, wie die friedlichen Demonstranten mit Gummiknüppeln niedergeschlagen und verhaftet wurden. "Das hat mir Angst gemacht", sagt er. Doch den Menschen, die in der Folge in die Botschaften geflüchtet sind, hat das Mut gemacht, erklärt er weiter und fügt hinzu: "Das waren alles unzufriedene Bürger, die jede Möglichkeit genutzt hätten, die DDR zu verlassen, aber nicht konnten und es auch nicht probiert haben, weil sie genau wussten, was passieren würde. Der Stacheldraht, der uns vor dem bösen Kapitalismus schützen sollte, zeigte schließlich nach innen!"

Dass die ungarische Grenze zu Österreich geöffnet werden würde, war letztendlich keine Überraschung. Bereits Monate zuvor waren die Gespräche dazu angelaufen. Dann war es so weit, kurz vor dem 40. Jahrestag der DDR, "dem Tag, an dem sich die Deutsche Demokratische Republik der Welt als sozialistischer Staat präsentieren wollte, in dem alles blüht und schön ist".

Wer die Absicht hatte, das Land zu verlassen, organisierte sich rechtzeitig einen Ferienplatz auf einem ungarischen Zeltplatz und besorgte sich ein Visum. Der Gastronom erinnert sich an Bilder in den Westmedien, die Wälder zeigten, in denen verlassene Pkw’s standen. "Wenn man sich ein bisschen auskannte, hatte man nun die Möglichkeit, in einer Nacht-und-Nebel-Aktion die ‚grüne Grenze’, die dennoch bewacht wurde, zu überschreiten". Andere machten sich auf den Weg zur Botschaft der Bundesrepublik Deutschland und stellten vor Ort einen Ausreiseantrag oder beantragten Asyl für die BRD.

"Wollen wir nicht auch rüber gehen?"

Ich möchte wissen, ob er selbst mit dem Gedanken spielte, über Ungarn aus der DDR zu fliehen. Henrik Meier nickt. Schließlich war der Fluchtgedanke seit Jahren in seinem Kopf präsent. Und so fragte Henrik damals seine Frau: "Wollen wir nicht auch rüber gehen?" Aber Elke will bleiben, sie hat eine gute Arbeit, ihre Eltern leben im selben Ort. Außerdem will sie das Risiko mit den Kindern gar nicht eingehen, schließlich wussten sie genau, was geschehen würde, wenn die Flucht missglückte: Die Kinder würden in ein Heim kommen, sie selber ins Gefängnis. "Damit hatte sich das Thema für mich erledigt. Wenn rüber, dann nur mit der ganzen Familie", sagt Henrik energisch.

Am Zwiespalt ändert diese Entscheidung nichts. Auf der einen Seite war Henrik unzufrieden, durfte seine Meinung nicht frei äußern und nicht reisen, wohin er wollte. Zudem war das Neustrelitzer Stadtbild von sowjetischen Soldaten geprägt und erzeugte anhaltende Angst innerhalb der Bevölkerung - auch bei Henrik. "Es war politisch eine sehr turbulente Zeit". Auf der anderen, privaten Seite schwebte er "auf Wolke sieben": Frisch verheiratet, die jüngste Tochter erst ein paar Monate alt, die Arbeit im Volkloreensemble, die beiden sehr viel Spaß macht und die sichere Zusage auf eine Neubauwohnung. "In unserer alten Wohnung mussten wir uns die Toilette mit vier weiteren Mietparteien teilen." Was soll man da machen - verzweifeln oder jubeln?

Kein Vertrauen

In Henriks Umfeld gibt es Menschen, die so verzweifelt sind, dass sie gehen. Der Freund seiner Schwester, die in Berlin wohnte und selbst Jahre zuvor einen Ausreiseantrag gestellt hatte, flüchtet. In der Folge wird sie von der Staatssicherheit mehrmals verhört, verliert ihre Arbeit, kann nur noch "schwarz" arbeiten gehen und muss damit leben, dass ihre Wohnung abgehört wird. Henrik, der seine Schwester oft in Berlin besuchte, kann sich noch gut daran erinnern: "Die Stasi hast du gerochen".

Nachweisen kann die Stasi ihr nichts, der Freund hatte schnell und unbemerkt gehandelt. "Natürlich hat er mit niemanden darüber gesprochen. Auch mit seiner Freundin nicht, weil er immer damit rechnen musste, dass jemand in letzter Minute die Stasi informiert. Schließlich wusste man nie, ob derjenige, dem man vertraute, nicht doch ein IM war". Irgendwann kam eine Postkarte aus Wien. Blanco. Nur adressiert an Henriks Schwester. Er hatte es also geschafft.

Glückliches Ende

Als dann im November `89 keine Fluchtpläne mehr notwendig sind, hat der erfolgreiche Tänzer voller Überzeugung an die Endgültigkeit des "Untergangs der DDR" geglaubt und gedacht: "Jetzt kannst du fahren, wann immer du willst".

Mittlerweile ist es stockdunkel. Eine kleines Kerzenlicht flackert auf unserem Tisch. Henrik sagt: "Ich bin froh, das alles so gekommen ist. Ich kann nur über die Leute lachen, die sagen: ‘Früher in der DDR war alles besser‘. Die haben vergessen, was hier los war."

  • Seite bei Twitter teilen
  • Seite bei Facebook teilen
  • Seite bei Google bookmarken
  • Seite bei Live bookmarken