Veränderung aus dem Osten

26.04.2009: Vorreiter Danzig

Das Meer rauscht, die Möwen ziehen kreischend ihre Runden auf der Suche nach Futter. Ein alter Mann sitzt im Sand, zwischen seinen Zehen kribbelt der Sand. Er schaut zufrieden und glücklich aus. "Jeden Tag komme ich hier her und genieße die Geräusche des Meeres. Es beruhigt mich", erzählt mir der ehemalige Werftarbeiter mit einer Spur Melancholie in der Stimme. Die zurückliegenden Ereignisse lassen den alten, gebrechlich wirkenden Mann bis heute nicht los.

Danziger Krantor

Von Julian Oberth, 18 Jahre alt, Schüler aus Elmenhorst

Die Gewerkschaft Solidarnosc, zu Deutsch Solidarität, entsteht im Zuge der Streikbewegung im Sommer des Jahres 1980. Anlass für die Proteste und Streiks in Polen sind die Preiserhöhungen für Fleisch am 1. Juli 1980. "Am Anfang waren die Streikenden nur lokal organisiert, doch nach und nach hat die Streikwelle das ganze Land erfasst. Das haben natürlich die Machthaber sowie die Westmedien aufgenommen und unterschiedlich bewertet", erklärt der Rentner.

Am 14. August kommt es dann zum Streik auf der Danziger Lenin-Werft. Die Arbeiter legen die Arbeit nieder und bilden ein Streikkomitee. Neben Lohnerhöhungen fordern die Werftarbeiter auch die Wiedereinstellung von Anna Walentynowicz, einer bekannten Symbolfigur der Streikbewegung und von Lech Wałęsa, ebenfalls ein Mitglied des damals illegalen Streikkomitees auf der Danziger Werft. Lech Wałęsa wird nach dem blutigen Ende des Streiks, bei dem etwa 80 Arbeiter von der Polizei getötet werden, verhaftet und kommt für ein Jahr in Gefängnis. Des Weiteren fordern die Arbeiter die Errichtung eines Denkmals für die gefallenen Werftarbeiter.

Erste Erfolge

"Natürlich haben wir auf der Werft erfahren, was sich da in Polen abspielte. Das Regime sprach davon, dass sich Chaoten gegen die bestehende Ordnung stellen würden", berichtet Herr M. mit sanfter Stimme.

In Polen dreht sich die Situation. Am 16. August geht die Werft schließlich auf die Forderungen der Arbeiter ein, diese jedoch streiken weiter aus Solidarität mit den Belegschaften anderer Betriebe, die ihre Forderungen noch nicht durchsetzten konnten. Es wird ein überbetriebliches Streikkomitee einberufen, bestehend aus den Vertretern von 21 streikenden Betrieben, mit Lech Wałęsa an der Spitze, um den Streik besser zu koordinieren. Das Danziger Streikkomitee stellt 21 Forderungen und verlangt sogar die Freilassung aller politischen Gefangenen. Ebenso verlangt das Komitee die Einhaltung der Verfassung der Volksrepublik Polen, die Presse- und Meinungsfreiheit garantiert. Am 19. August gehören dem Danziger Komitee bereits mehr als 250 Betreibe an, damit streikt de facto der ganze Küstenstreifen. Besonders wichtig für die Streikenden ist die Einbeziehung der Intellektuellen, da diese der Staatsmacht weitreichende Zugeständnisse abringen können. "Als die polnische Regierung die Gewerkschaft Solidarnosc am 10. November 1980 offiziell zugelassen hat, wurde es ruhig in den Ostmedien, die zuvor gegen die Streikenden gehetzt hatten", erinnert sich der alte Mann mit einem Lächeln.

Vorsicht und Glaube an Veränderung

Doch das neue Glück der polnischen Bewegung währt nicht lange, da die führenden Köpfe der Gewerkschaft bereits in der Nacht zum 13. Dezember 1981 verhaftet werden. Solidarnosc wurde am 8. Oktober 1982 verboten und konnte nur im Untergrund agieren. Im Ausland machen sich einige Exilaktivisten an die Arbeit und gründen Büros, die gewerkschaftspolitisch aktiv sind. "Von diesen Entwicklungen habe ich erst Jahre später erfahren, da die Medien nicht viel dazu berichtet haben", erklärt Herr M.

Erst viele Jahre später wird die Gewerkschaft Solidarnosc am 5. April 1989 wieder vom Staat offiziell anerkannt. Auch in der DDR bleiben diese Entwicklungen nicht unbemerkt. "Ein bisschen Hoffnung hatte ich schon, dass sich auch hier etwas ändert. Doch viele Kollegen haben die Aufstände damals mit Misstrauen und Vorsicht beobachtet. Einige haben sogar gegen die Polen gewettert. Das hat mir nicht gefallen.", stellt er klar. Er fügt verschlagen hinzu: "Mir wurde bewusst, dass sich in den nächsten Monaten einiges im Osten ändern würde. Die Leute wurden mutiger und verschiedenste Menschen machten sich für Veränderungen stark. Aber dass sich die Situation so schnell ändern würde, hätte ich nicht gedacht."

Nach dem Gespräch sitzt Herr M. noch eine Weile am Strand und starrt ins Meer. Er hat nach dem Zusammenbruch der DDR seinen Job als Werfarbeiter verloren. Die letzten Jahre bis zur Rente haben ihn viel Kraft gekostet, dennoch hat er nie aufgegeben. Nun genießt er den Ausblick und lässt seine Erinnerungen hinter sich - zufrieden und mit der Welt im Einklang.

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