Antworten ohne Fragen

15.04.2009: Eine Zeitreise, zwischendrin: ein Pausengespräch über die Solidarnosc

Wenn ein Mensch auf 80 Jahre erlebte Zeit zurückblicken kann, vermittelt er manchmal das Gefühl, ein jeder könne die Geschichte nur in diesem Zusammenhang verstehen. Johann Siebert begann unsere Zeitreise nicht ohne sicherzustellen, dass genügend Proviant dabei ist und stellte die letzten Winteräpfel neben meine Schuhe, damit ich sie auf keinen Fall vergesse.

Von Josefine Brauer, 22 Jahre alt, Studentin aus Greifswald

Streik auf der Leninwerft

Eigentlich wollte ich im Greifswald der 80er rausgelassen werden, hören, wie ein Parteisekretär die jungen Wissenschaftler in der Mensa zurechtweist, die Worte "Ist hier denn auch schon der polnische Bazillus?" sagt und die Solidarnosc-Bewegung meint.

Angenommen jedoch, dass der zweite Weltkrieg wie für Joachim Siebert erst mit der Wiedervereinigung Deutschlands endet, verändert sich die Reiseroute und das Ortseingangsschild verschwimmt im Nebel des Boddens und der Unwissenheit. Die Aufgaben zwischen uns sind klar verteilt, ohne dass sie ausgesprochen wurden. Nicht nur der Respekt vor dem Alter, auch die Ähnlichkeit mit Helmut Schmidt lassen mich protestlos akzeptieren. Statt einer Zigarette hat der emeritierte Professor mich in der Hand.

"Schreiben Sie das auf, Mädel!", und ich schreibe - schreibe, dass sein Sohn von der Stasi verhaftet wurde, weil er die DDR-Fahne verbrannte, dass bei den Montagsdemonstrationen in Leipzig die Panzer in den Seitenstraßen standen und Kurt Masur zusammen mit sechs anderen Leipzigern verhinderte, dass geschossen wurde.

In Greifswald hingegen "marschierte man mit Engelszungen die Lange Straße entlang" unter dem fürsorglichen Schutz der Polizei. Ich notiere, dass "niemand die DDR weg haben wollte. Das verfälscht der Westen", aber ein anderes Mal: "Gorbatschow wollte einen menschlichen Kommunismus. Das geht nicht."

Was gesagt werden muss

Wir springen in den Jahrzehnten über Stalin zu Luther zum Hitlerputsch am 9. November 1923. Keine Minute vergeht ungenutzt, keine Pause erlaubt, Fragen zu stellen. Ich vergesse meine Fragen und sammle Antworten auf alle ungestellten. Mir scheint, als ob Joachim Siebert sorgfältig einen selbst bestellten Auftrag abarbeitet und alles sagt, was gesagt werden muss.

Die Rechnung des studierten Mathematikers geht auf, wir halten kurz in Danzig, in jenem Ort, wo sich 1980 unter Lech Walesa, die Gewerkschaft "Solidarnosc'" gründete: Er war ein "Held, ohne Frage". Zweifelsohne hätte Walesa nicht erst 1983 den Nobelpreis "Für seinen Kampf für die Menschenrechte und seine Arbeit als Vorsitzender der unabhängigen polnischen Gewerkschaft Solidarnosc" erhalten und 1990 Präsident werden müssen, um diese Anerkennung zugesprochen zu bekommen. Darüber ist Johannes Siebert unsicher, das könne man ja nachlesen: "Helden treten ab, aber alles war angestoßen!".

Fortschritte, Rückschritte

Noch gut erinnert Johannes Siebert die Umstände in Polen, die Walesas Engagement provozierten. Über die Stralsunder Werft weiß er Ähnliches zu berichten. Wenn ein Schiff nicht an die Sowjetunion ging, dann unter Wert an den Westen. "Sechs Westpfennig für eine Ostmark" - ein empörtes Gesicht blickt mich ernsthaft an, so erbittert, wie ich mir die Reaktion des damaligen Hauptbuchhalters Schober vorstelle, der dies seiner Tochter erzählt, auf die Siebert in der Uni trifft.

Wurden in Polen wirtschaftliche und politische Reformen auf Druck der Arbeiter der Danziger Leninwerft mit dem "Danziger Abkommen" am 31. August 1980 durch die Regierung zugesichert, so kurz währte der trügerische Erfolg. Bereits ein Jahr später, am 13. Dezember 1981, wurde die landesweite Gewerkschaft verboten, kämpfte weitere Jahre im Untergrund, wurde 1989 wieder zugelassen.

Mehr als ein Wort

Der Aufbruch in Polen, welcher das Ende des Kommunismus vorandrängte, wurde von Siebert nicht nur ideell unterstützt. "Solidarität" war nicht nur ein Name für eine Gewerkschaft und eine Protestbewegung. Nicht ohne die Klischees über Polen zu bedienen, fährt mein Gegenüber fort, versichert sich meiner Aufmerksamkeit. Suggestiv wirft er die Frage in den Raum, ob ich den Ausdruck "Polnische Misswirtschaft" gleichsam als Assoziation und negative Beurteilung für den heutigen Sprachgebrauch kenne. "Wir wollen uns darüber kein Urteil erlauben", lenkt Siebert ein und versucht damit die vorangegangenen Worte über die ostdeutsche Wirtschaftskraft zu relativieren: "In der DDR lief das wie am Schnürchen. Die fleißigen haben sie hoch gehalten."

Egal, wie er sich die "ungleich schlechteren" Lebensverhältnisse von damals erklärte, die unfreiwillige Schicksalsverbindung, die der Ostblock schuf, führte zu kleinen Hilfsaktionen der akademischen Elite Greifswalds. Lebensmittel waren es, die Johann Siebert und seine Kollegen von den wissenschaftlichen Gremientreffen bei Gastaufenthalten in Polen vom Buffet in die Küchen ihrer Gastunterkünfte schmuggelten. Pakete mit Kleidung folgten.

"Aufregende Zeit"

Zum Schmuggeln gehörten scheinbar wenig Vorbehalte. Kein Wunder, beinhaltete das offizielle Budget für die Wissenschaft und ihre Technik der Universität Greifswald extra Töpfe für Zahlungen an Rentnerinnen mit Computern aus dem Westen im Gepäck. "Wir überwiesen anstandslos", ergänzt der Mann mit dem schütteren Haar und schüttelt den Kopf über die Erinnerungen an eine "aufregende Zeit".

Angekommen bei der Universität befinden wir uns auf unserer Zeitreise an einer Kreuzung mit vielen Abzweigungen. Die Überlegung, dass seine Motivation gegen das kommunistische Unrechtsregime sich aus der eingeschränkten Wissenschaft in Gedanken und Handeln speist, hingegen die Jugend "viel mehr" verfolgte, ihre "Weltanschauung" verteidigen wollte, wozu die Älteren der Nachkriegsgeneration "keinen Mut mehr" hatten, schafft das Moment der Besinnung, das rückblickend zur folgenden Äußerung führte: "Jetzt gibt es freie Meinungen auch in der Gewerkschaft. Das haben wir den Polen zu verdanken."

Auf dem Weg ins Mecklenburg-Vorpommern von 2009 besuchen wir noch ein paar historische Persönlichkeiten. Die kurze Pause mit einem Gespräch über die Solidarnosc hat uns aufgehalten, sodass die Zukunft jetzt eilt. Johann Siebert fühlt sich von ihr gedrängt und sagt genauso bestimmt wie am Anfang "So Mädchen, jetzt ist Schluss", steht auf und ersetzt seine Geschichten gegen die Äpfel, wartend neben meinen Schuhen.

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