Solidarität polarisiert

15.04.2009: Das "polnische Fieber" spaltet die Geister

Danziger Altstadt

"Der Kampf in Polen sorgte für Streit. Einige von uns befürworteten ihn, schöpften Hoffnung. Die Mehrheit aber glaubte an die Propaganda der Regierung." Marianne Volkmuth schließt für einen Moment die Augen, während sie spricht. "Aber lass mich von vorn anfangen, immer schön der Reihe nach", fährt sie entschlossen fort. Einen flüchtigen Blick in den Spiegel werfend, rückt sie ihre Lesebrille zurecht. "Also. Was möchtest du wissen?"

Von Olivia Sardinas, 18 Jahre alt, Studentin aus Thüringen

"Die Solidarnosc ist eine polnische Gewerkschaft, also ein Interessenverband von Arbeitnehmern", erklärt Marianne Volkmuth mir bei einer Tasse Kakao. "Übersetzt heißt das Solidarität.", verkündet sie. "Die Solidarnosc entstand 1980 aus einer Streikbewegung von Arbeitern heraus. An den Anlass kann ich mich jedoch nicht mehr erinnern", gesteht sie zögerlich. Fragend hebt sie die Schultern, wirft mir den Ball zu.

Glücklicherweise kenne ich die historischen Fakten genau. "Der Anlass der Streikwelle war einerseits die Preiserhöhung für Fleisch am 1. Juli 1980, andererseits die fristlose Kündigung Anna Walentynowiczs. Die ehemalige Kraftfahrerin der Danziger Leninwerft wurde nur fünf Monate vor ihrer Pensionierung entlassen. Kurze Zeit später verlor auch Lech Walesa seinen Job", gebe ich wieder, was ich wenige Tage zuvor gelesen hatte. "Lech Walesa, das war doch der Vorsitzende des betrieblichen Streikkomitees", erinnert sich Marianne Volkmuth richtig.

Frieden für die Freiheit

Lech Walesa, 1943 in Popowo geboren, war ein charismatischer Arbeiter der Danziger Leninwerft, der in seinem Streikvorhaben schon bald von regimekritischen Intellektuellen unterstützt wurde. Während frühere Protestaktionen in Polen durch Gewalt und Blutbäder geprägt waren, wählten Lech und seine Anhänger eine friedliche Taktik. Anstatt auf offener Straße zu revoltieren, verbarrikadieren sich die Arbeiter auf dem Gelände der Leninwerft. Ein blumengeschmücktes Werfttor und Lebensmittel, die den Arbeitern gereicht wurden, damit diese ihre Position nicht verlassen müssen - das zeigen die Bilder, die damals um die halbe Welt gehen.

Sowohl Anna Walentynowicz als auch Lech Walesa werden wieder eingestellt, eines der Zugeständnisse, die eigentlich zur Auflösung des Streiks führen sollten. "Der Streik wurde aber nicht eingestellt. Am 16. August 1980 wurde beschlossen, dass eine Auflösung nicht zu bleibenden Ergebnissen führen kann", erzähle ich Marianne Volkmuth. Zunächst lokal begrenzt, greifen die Protestgedanken in kurzer Zeit auf ganz Polen über. Lech Walesa reißt die Bevölkerung mit sich, zeigt ihnen seine Vision eines freien Landes. Schnell wird klar, dass der Streik sich nicht mehr um den eigentlichen Anlass dreht. Das Danziger Abkommen am 31. August 1980 gibt der zentralen Forderung nach der Zulassung von unabhängigen Gewerkschaften statt, die Solidarnosc formiert sich am 17. September 1980.

Pro oder Contra - Eine Gewerkschaft sorgt für Aufruhr

Weiter östlich wird die Nachricht über die Existenz einer unabhängigen Gewerkschaft negativ aufgenommen. Die Machthaber der DDR erkennen eine Bedrohung für ihr eigenes System. Die Regierung Polens rückt ins Augenmerk der Kritik, da diese nicht mehr Herr der Lage ist, sich untergraben lässt. Hetzkampagnen überschwemmen die DDR-Medien, die Solidarnosc-Bewegung wird zum Feindbild, Worte wie "Chaos", "Wühltätigkeit" oder "Terror" werden laut. "Ab diesem Punkt kann ich dir wieder weiterhelfen", strahlt Marianne Volkmuth. "Wir wurden öffentlich vor dem ‚polnischen Fieber’ gewarnt. Überall wurde geschimpft und diskutiert. Mein damaliger Freundeskreis drohte zu zerbrechen, weil vier von uns auf diese Propaganda hereingefallen sind und nur einer die Solidarnosc als Hoffnungsträger unserer Generation ansah. Immer wieder gerieten wir ins Gefecht, das war belastend", erinnert sich die Sekretärin wehmütig.

Noch während ich in Gedanken versuche, meine nächste Frage möglichst feinfühlig zu formulieren, winkt sie mit einer flüchtigen Handbewegung ab. "Ich weiß, was du fragen willst. Und ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich zu den vier ignoranten Personen gehörte, die das Offensichtliche verkannt haben. Die Solidarnosc war etwas Gutes, sie gab den Bürgerrechtlern der DDR die Hoffnung, weiter gegen diese Diktatur vorzugehen und uns zu befreien. Das ist mir heute klar. Ich war damals 29 Jahre alt. Eigentlich alt genug, um zu verstehen." Energisch schlägt ihre Hand auf dem massiven Holztisch auf, der zwischen uns steht.

Verbot, Internierung, Legalisierung

Am 13. Dezember 1981 ändert sich alles. In Polen wird der Kriegszustand ausgerufen. Eine Tatsache, die von der DDR-Führung ausdrücklich begrüßt und finanziell unterstützt wird. Die Solidarnosc wird für einige Jahre zerschlagen, die Leiter der Organisation inhaftiert. Im Untergrund existiert die Gewerkschaft allerdings weiter, lässt sich nicht unterdrücken.

Einige Monate später, am 08. Oktober 1982, wird die Solidarnosc durch ein neues Gewerkschaftsgesetz endgültig verboten. Daraufhin bilden sich Exilgruppen im Ausland. Büros, wie das Brüsseler Büro oder das Bremer Koordinationsbüro, sorgen dafür, dass die politischen Absichten der Gewerkschaft weiterhin verfolgt und realisiert werden. Ab August 1988 finden Gespräche zwischen der kommunistischen Führung Polens und der Untergrund-Solidarnosc statt, am 17. April 1989 wird sie schließlich wieder legalisiert. "Die haben sich nicht einschüchtern lassen und für das gekämpft, was sie wollten. Das haben unsere Leute dann ja auch getan", sagt Marianne Volkmuth anerkennend. Die Solidarnosc erreicht letztlich halbfreie Wahlen in Polen. Tadeusz Mazowiecki wird der erste nichtkommunistische Ministerpräsident nach dem Zweiten Weltkrieg. Im Dezember 1990 wird Lech Walesa zum Staatspräsidenten gewählt, die Wende in Polen ist besiegelt.

Das bittere Ende einer Erfolgsgeschichte

Auf meine Frage, wie es mit der Solidarnosc weiterging, weiß Marianne Volkmuth Antwort. "Sie verlor nach und nach ihren politischen Einfluss. Lech Walesa erklärte später seinen Austritt. 2005 muss das gewesen sein. Die Solidarnosc als unabhängige Gewerkschaft besteht heute noch, aber nur etwa 15 Prozent der polnischen Arbeitnehmer gehören einer Gewerkschaft an. Das ist sehr wenig, im Vergleich zu anderen europäischen Staaten." Kopfschüttelnd nippt sie an ihrem inzwischen kalten Kakao. "Die Leute begannen, die Solidarnosc für die wirtschaftlichen und sozialen Missstände nach der Wende verantwortlich zu machen. Aber dass es ihnen vorher auch nicht besser ging, das vergessen sie wohl. Herrje, auch bei uns gibt es das. Ich kenne viele Menschen, die sich heute die DDR zurückwünschen. ‚Damals war alles besser’, sagen sie. Darüber könnt’ ich mich stundenlang aufregen", fügt sie mit bebender Stimme hinzu.

Dann dreht sie sich um, wirft einen Blick auf die riesige Standuhr und zuckt zusammen. "Um Himmels Willen. Ich hab’ deiner Mutter versprochen, dass du pünktlich zum Abendessen daheim bist. Du solltest dich jetzt lieber beeilen.", sagt sie hektisch, während sie mich aus der Tür schiebt.

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