Ferien bei der Solidarnosc

14.04.2009: "In Polen ist etwas in Bewegung..."

Einen kleinen weißen Anstecker mit dem roten Schriftzug der "Solidarnosc" kramt Astrid Kny aus einer Schmuckdose ganz hinten in der Kommodenschublade. Er ist das letzte Andenken an einen Urlaub in Polen, der ganz anders verlief als erwartet.

Von Josefa Kny, 21 Jahre alt, Studentin aus Berlin

Solidarcosc-Plakate in Polen

Im Frühjahr 1989 stand Astrid Kny kurz vor dem Ende ihres Studiums. Ihre Tochter war gerade eineinhalb Jahre alt - von Erholung konnte da kaum die Rede sein. Um sich eine kurze Auszeit zu gönnen, wollte sie mit ihrem Freund eine Woche lang ins Ausland verreisen. In der DDR nicht gerade leicht: "In Jugendherbergen im Inland Plätze zu bekommen, war schon schwierig. Auslandsreisen waren noch schwieriger, weil sie wirklich Mangelware waren."

Doch zufällig hatte der Mann im Jugendtourist-Reisebüro für diese Zeit gerade Gruppenreisen nach Polen im Angebot - genauer gesagt nach Rzeszow. Astrid hatte eher an Krakau, Danzig oder Warschau gedacht. Von Rzeszow, das weit im Landesinneren, östlich von Krakau und nahe der ukrainischen Grenze lag, hatte sie bis dahin noch nie etwas gehört. Der Reiseberater überzeugte sie letztlich mit der Aussicht auf eine wunderschöne Altstadt und den günstigen Zloty-Kurs. Er sollte Recht behalten.

Willkommen in Rzeszow

Nach einer endlos langen Zugfahrt durch ganz Polen erreichte die 20-köpfige Reisegruppe ihr Ziel: eine Kleinstadt mit unzähligen historischen Bauten entlang der Baudenkmälerstraße und einem Charme der Bohème. "Ich war ganz überrascht. Schon damals gab es überall Künstlercafés und eine unglaublich aktive Kultur- und Jazzszene", erinnert sich die damals 23-Jährige. Ihr Lieblingsort wurde schon bald eine urige Weinstube in einer mittelalterlichen Ruine ähnlich der bekannten Moritzbastei in Leipzig.

Für die nächsten Tage lagen geführte Touren durch Rzeszow, die Nachbarstädte und die beeindruckende Natur der Umgebung an. Ein volles Programm, an dem es teilzunehmen galt: "Man konnte sich zwar auch mal ausklinken, musste aber aufpassen. Es wurde erzählt, dass in jeder Gruppe immer ein paar Leute von der Partei oder der Stasi die anderen beobachteten." Daher hatten die jungen Leute nur wenige Möglichkeiten, die Polen kennen zu lernen.

Doch zufällig kamen Astrid und einige Mitreisende schon am zweiten Tag der Reise mit echten Rzeszowern in Kontakt. Bei einem Stadtspaziergang betraten sie neugierig einen Laden, an dessen Schaufenster ein großes Solidarnosc-Plakat klebte. Im Laden, der in Astrids Erinnerung das Rzeszower Büro der Gewerkschaft sein musste, trafen sie Agneta und Janusz, beide Mitte Zwanzig, und voll sprühender Begeisterung für die Ideen der Solidarnosc.

Die Solidarnosc lebt

Vor dem Urlaub hatte sie gar nicht an eine Begegnung mit der berühmten polnischen Sozialbewegung gedacht, erzählt Astrid: "Die Orte des Geschehens waren - nach dem, was man hörte - Danzig und Gdingen. Dass da bis weit nach Polen hinein etwas passierte, damit hatte ich überhaupt nicht gerechnet."

Die Nachrichten von der organisierten Auflehnung der Arbeiter gegen das kommunistische System hatte man in den Jahren zuvor auch in Ost-Berlin vernommen. "Man kannte Lech Walesa, den Führer der Solidarnosc, und hatte auch erste Demonstrationen rund um die Häfen und Werften im Fernsehen gesehen. Da war eine Bewegung, die das schief laufende sozialistische System irgendwie aufbrach", weiß Astrid noch. Die Medien der DDR schenkten dem keine Beachtung. Von der Gründung und den Streiks der Solidarnosc im Jahre 1980, ihrem Verbot ein Jahr später und den anschließenden Aktivitäten im Untergrund erfuhren die DDR-Bürger aus dem Westfernsehen.

Agneta und Janusz kannten all diese Ereignisse aus erster Hand - für Astrid, die aus der DDR nichts Vergleichbares kannte, hochspannend: "Ich wollte die beiden auch immer wieder sehen, weil mich ihre Begeisterung so mitgerissen hat." Die polnischen Aktivisten freuten sich über das große Interesse an ihrer Bewegung in der sonst eher touristenarmen Gegend.

Mehrere Male trafen sich die Gäste mit den Einheimischen. Sie erkundeten die Stadt, gingen tanzen oder unterhielten sich stundenlang in einem der vielen Künstlercafés in Rzeszow.

In gebrochenem Deutsch erzählten Agneta und Janusz von den Idealen der Solidarnosc-Bewegung, von Rechtsstaatlichkeit und Bürgerrechten, von Wirtschaftsreformen und Medienfreiheit, von Gerechtigkeit und gewaltloser Konfliktbewältigung - von einem Ende der Regeln des kommunistischen Systems. "Sie haben uns animiert auch mal zu sehen, dass durch eine Grassroots-Bewegung, wie man heute sagen würde, also eine Bewegung von unten, etwas Neues und Verbesserungen im System erreicht werden können. Denn vom Mauerfall war ja zu der Zeit noch keine Rede", erinnert sich Astrid.

Liberalisierung in Polen - und in der DDR?

Astrid hatte den Eindruck, dass die Stimmung in Polen liberaler war als in der DDR. Die vielen alternativen Künstlercafés und das offene Agieren der Solidarnosc nach ihrer Legalisierung im April 1989 trugen dazu bei. Besonders gut erinnert sich die Berlinerin noch an einen polnischen Feiertag, den Tag der Verfassung, an dem viele Leute auf offener Straße Solidarnosc-Buttons trugen. In der DDR stand das Tragen verbotener Symbole, zu denen auch der Solidarnosc-Schriftzug gehörte, zu jener Zeit noch unter Strafe. Trotzdem brachten Astrid und ihr Freund mehrere Anstecker, Aufkleber und Aufnäher der Solidarnosc aus dem Urlaub mit, die ihnen Agneta und Janusz zum Abschied geschenkt hatten.

Zurück in Ost-Berlin konnten Astrid die Solidarnosc-Accessoires nur unter Freunden nicht gefährlich werden. Auf der Straße trug sie sie sicherheitshalber nicht. Die Begeisterung für die Sozialbewegung gab sie auch zu Hause weiter: "In Polen geht etwas los, da ist etwas in Bewegung und die jungen Leute sind alle dabei", erzählte sie Freunden, die sich wie sie nicht mit den sozialistischen Ideen anfreunden konnten. Fast alle waren genauso interessiert und fasziniert wie Astrid selbst.

Doch eigenständig eine ähnliche Grassroots-Bewegung in Gang bringen, das erlaubte das Klima in der DDR noch nicht: "Es war klar, wenn man sich politisch gegen das System organisierte - und das war Solidarnosc eindeutig - hätte man befürchten müssen, mit der Staatsmacht Ärger zu bekommen", stellt Astrid fest. So blieb der Urlaub vorerst eine geistige Bereicherung, die Hoffnung weckte.

Im Rückblick sieht Astrid die Politik der Solidarnosc, ihre Erfolge und Misserfolge weitaus differenzierter und kritischer. Im Frühjahr 1989 aber wirkte der Urlaub in Rzeszow ein bisschen wie eine Reise in eine bessere Zukunft. Dass die Mauer noch im gleichen Jahr fiel, erlebte die junge Mutter wie im Zeitraffer hin zu jener Zukunft - hin zu einer Welt mit Freiheiten und realen Alternativen.

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