Keine Einheit von Theorie und Praxis

25.09.2009: Über den Irrsinn der Planwirtschaft in der DDR

Mit Plänen kennt Hannes sich aus. Der heutige Rentner hat sowohl auf dem Bau als auch in der Landwirtschaft gearbeitet - und irrwitzige Erfahrungen mit dem allgegenwärtigen Mangel in der DDR gemacht. Als Ingenieur versuchte er, jeder Situation das Beste abzugewinnen - manchmal allerdings ohne Erfolg.

Silo, Beton

Von Zora Thomas, 16 Jahre alt, Schülerin aus Berlin

Hannes ist Techniker. Sein Leben lang hat er strukturiert gearbeitet. Ich habe manchmal schon Probleme, meine Schulsachen für den nächsten Tag zusammenzusuchen. Die Ruhe, die Hannes ausstrahlt, beeindruckt mich. Dabei müssen die Bedingungen, unter denen er zu DDR-Zeiten gearbeitet hat, ziemlich chaotisch gewesen sein.

Hannes hat 1972 die Weimarer Hochschule für Architektur und Bau als Ingenieur verlassen. "Ich stellte sehr schnell fest, dass ein wesentliches Merkmal der marxistischen Dialektik im DDR-Sozialismus nicht aufging - und zwar die Einheit von Theorie und Praxis", erzählt er. "All die Dinge, die wir an der Hochschule gelernt hatten, waren in der Praxis nicht umzusetzen."

Nie perfekt

Eine Ahnung davon, in diesem Staat etwas nicht stimmte, bekam Hannes bereits während eines Forschungspraktikums im Jenaer Glaswerk "Schott und Genossen". Die Firma war bereits Ende des 19. Jahrhunderts gegründet worden, nach dem 2. Weltkrieg jedoch zog die amerikanische Besatzungsmacht mit der Geschäftsleitung und einigen Spezialisten nach Mainz um. Der Sohn des Firmengründers errichtete später in Jena einen ostdeutschen Firmensitz. Dort kam Hannes eines Morgens ins Labor und fand seine Kolleginnen und Kollegen vor einem "Westpaket". Darin lag ein Glasbarren aus optischem Glas, den Schott jedes Jahr aus Mainz mit dem Hinweis schickte, dass so - nämlich vollkommen ohne Blaseneinschluss - optisches Glas aussehen könne und müsse.

"Soweit ich mich erinnere und informieren konnte, ist es der DDR in den restlichen 20 Jahren nicht gelungen, so einen Glasbarren herzustellen. Es fehlten einfach die technischen Voraussetzungen und das entsprechende Material", lacht Hannes. Seine erste Tätigkeit als Diplomingenieur trat er beim Rat der Stadt im Bereich "Beratungsdienst Eigenheimbau" an. "Unsere Aufgabe bestand in der Umsetzung des Gesetzes zum Bau von Eigenheimen für kinderreiche Familien." Das waren Eheleute mit drei und mehr Kindern. Für sie wurden Grundstücke - selten größer als 300-500 m² - bereitgestellt, Bauleitung, Materialkontingente und zinsgünstige Kredite organisiert. "Das Problem dabei war", so erinnert sich Hannes", "dass die Grundstücke häufig erst anderen Personen mit Hilfe des sogenannten Aufbaugesetzes enteignet werden mussten." Oft hätten die Eigentümer selbst gern auf ihren Grundstücken gebaut. Die DDR-Planwirtschaft durchkreuzte diese Pläne.

Von innen nach außen

"Die Familien sollten überzeugt werden, Fertigteilhäuser zu bauen, möglichst aus regionalen Ressourcen. Die verantwortlichen Genossen überzeugten die kinderreichen Familien, mit Gipsbausteinen und sogenannten HWL, also Holzwollleichtbauteilen zu bauen." Hannes macht eine Pause. Ich bin gespannt. Von HWL habe ich noch nie etwas gehört. Hannes lächelt: "Alle Baufachleute schlugen die Hände über dem Kopf zusammen. Ich bezweifle, dass heute noch irgendwo so ein Haus steht." Warum? Weil die Platten eigentlich zur Wärmedämmung und als Putzuntergrund für Innenräume gedacht waren. Die Mischung aus Holzspänen und Zement durfte keinesfalls dauerhaft Feuchtigkeit ausgesetzt werden. Weil sie in der DDR dennoch als Außenwandbaustoff zum Einsatz kamen, musste extra ein Wasser undurchlässiger Außenputz auf Plastikbasis entwickelt werden. Ob und wie lange das gehalten hat, weiß Hannes nicht. "Sicher ist aber, dass die Wand damit vollkommen atmungsinaktiv wurde", sagt er.

Hannes erzählt, dass er oft versucht hat, auf herkömmliche Baustoffe zurückzugreifen, selbst wenn er damit gegen interne Anweisungen verstieß. "Leider war aber für diese Leute kein herkömmlicher Baustoff zu bekommen. Entweder gab es nichts oder die Menschen hatten nicht genug ‚Schmiergeld’ bereit", seufzt Hannes.

Missbrauch

Aber nicht nur der Mangel an Rohstoffen machte Hannes damals die Schieflage im Staat klar. "Mehr und mehr Funktionäre und Genossen missbrauchten dieses Gesetz, um billig und einfach zu einem Haus zu kommen", schimpft er. "Da galten weder die Voraussetzung des Kinderreichtums noch die Vorgabe des Einheitshauses. Und das Wohnungsproblem der kindereichen Familien hat es auch nicht gelöst." Hannes konnte diese Ungerechtigkeiten nicht mehr ertagen und wechselte in einen Verband für Landbau. Und dort, so erzählt er mir, "lernte ich die sozialistische Wirtschaft in ihrer verrücktesten Vielfalt kennen."

In der DDR war es üblich, die wenigen regionale Baubetriebe zu kleineren Bauvorhaben in der Kreisstadt abzukommandieren. Hannes lächelt wieder: "Man nannte das delegieren." "Im privaten Bereich wurde das praktiziert, was man heute Schwarzarbeit nennt. Das wurde sogar gefördert." In der Landwirtschaft sei das nicht so einfach gewesen, denn es gab dort nicht so viel Bauarbeiter. Und die, die es gab, hatten, so weiß Hannes, zu Hause Vieh, um das sie sich kümmern mussten.

Kreislauf der Mangelwirtschaft

Deshalb gründeten die Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) Baubrigaden, die für ihre internen Bauvorhaben verantwortlich waren. "Da aus allen Ebenen und in allen Bereichen der Industrie ständig Arbeitskräfte fehlten, waren diese illegalen Baukapazitäten den Kreis- und Bezirksgeleiteten Landwirtschaftsbaubetrieben sehr willkommen - und sie wurden dort einverleibt. So mussten die sich die LPGs wieder irgendwo anders Bauarbeiter abwerben, um ihre Interessen wahrnehmen zu können. Das war ein ständiger Kreislauf." Mir schwirrt der Kopf. Das klingt so, als ob ein Staat sich permanent selbst betrügt. Und Hannes Lächeln verrät mir, dass an meiner Ahnung etwas dran ist. "Was ist denn überhaupt alles gebaut worden?", will ich wissen.

"In der DDR gab es bis zum Schluss extreme Versorgungsengpässe mit Wurst und Fleisch", erzählt Hannes. Rinder und Schweine wurden nicht für den Eigenbedarf verwendet, sondern exportiert, da es dafür Valuten gab - also "Westgeld" oder andere Währungen in bar. "Bei anderen Industriegütern wurde im Gegensatz dazu eine Verrechnung durchgeführt, das war weniger attraktiv. Jedenfalls kam man aufgrund des Mangels auf die Idee, Großviehanlagen aufzubauen. Vor allem dafür wurden die Baukapazitäten der LPGs gebraucht."

Keine Lösungen, viele Probleme

Ich erfahre, dass Anlagen für 160.000 Schweine, 16.000 Bullen und 4.800 Milchkühe gebaut wurden. "Und mit diesen großen Anlagen begannen die Probleme", sagt Hannes. "Woher sollte das Material kommen?" Hannes erinnert sich, dass extra Betonwerke aufgebaut wurden, um Betonteile für die Anlagen zu produzieren. Die Herstellung war unproduktiv, weil des keine entsprechenden Verdichtungstechnologien gab. So brauchte man viel Platz und viele Arbeiter, um relativ wenig Beton zu produzieren.

Mit dem Bau der Anlagen war es nicht getan. Auch um für diese Mengen an Tieren den Futterbedarf zu sichern, fehlten die Voraussetzungen. Wieder wurden LPGs dazu abgestellt, Großsiloanlagen zu bauen. Und wieder weiß Hannes Geschichten zu berichten, die unglaublich klingen. "Die LPGs haben sich mit Händen und Füßen gesträubt, da es nichts Uneffektiveres gab. Erst musste das Gras, der Mais usw. über viele Kilometer zusammengefahren werden, und dann die fertige Silage wieder kilometerweit in die Anlagen gebracht werden."

Und wohin mit der Gülle? "Wissentlich wurde hier vielerorts eine Grundwasserverunreinigung in Kauf genommen. Pfiffige Leute kamen darauf, die getrocknete und gepresste Gülle der Schweine den Rindern und umgekehrt die der Rinder den Schweinen zu fressen zu geben. Die extrem aggressive flüssige Gülle konnte nur mit sehr viel Aufwand geklärt werden. Diesen Aufwand sparten sich viele Anlagen, und so wurden trotz sogenannter Umweltschutzauflagen Felder berieselt."

Hannes ist anzusehen, dass er froh über das Ende dieser Wirtschaft ist. Und weil er mir zum Abschluss noch etwas erzählen möchte, das mit meiner Lebenswelt mehr zu tun hat als Gülle oder HWL, fragt er mich, ich einen PC hätte. "Klar", sage ich. Hannes lächelt wieder. "In der Zeitschrift ‚Jugend und Technik’ wurde 1985 ein Heimcomputer für Jugendliche vorgestellt, der im Volkseigenen Betrieb Robotron als Jugendobjekt entwickelt wurde, damit unsere Jugend nicht neidisch auf Comodore, Amiga und Atari aus dem Westen schauen musste. Leider kam dieser Computer nie in den Handel, sondern wurde ausgewählten Betrieben verkauft."

Oh je. Vorstellen kann man sich das heute nicht mehr. Aber vielleicht ist es gut, sich ab und zu an die schildbürgerartigen Geschichten zu erinnern, die zur Realität in der DDR gehörten.

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