"Sgt. Pepper" im LKW, Schüsse in der Botschaft

01.09.2009: Von einer unglaublichen Rucksackreise 1968 durch Osteuropa

Willi trägt ein kariertes Hemd, das sich großzügig über den Gemütlichkeitsbauch legt. Seine Augen blitzen, die runde Brille verleiht ihm einen jugendlichen Ausdruck, fast ein wenig schelmisch blickt er darüber hinweg, wenn er erzählt. Ich kann mir gut vorstellen, dass Willi früher ein Überflieger war, ein DDR-Jugendlicher mit einem Freiheitsdrang, der die Grenzen dieser Welt einfach ignorierte - und sich plötzlich mitten im "Prager Frühling" wiederfand.

Karlsbrücke in Prag

Von Shirine Issa, 21 Jahre alt, Studentin in Berlin

Im Sommer 1968 ist Willi 21 Jahre alt. Er studiert Baustoffverfahrenstechnik an der Hoch-schule für Architektur und Bauwesen in Weimar. Zusammen mit drei Kommilitonen ent-schließt er sich spontan, wie richtige Studenten das manchmal sind, in Bulgarien Urlaub zu machen. Mit gerade einmal 350 DDR-Mark geht es los. Die drei Halbstarken fühlen sich da-mals wie richtige Rebellen. Sie waren bereits wegen ihrer Aktivitäten gegen die Wehrpflicht, die neue DDR-Verfassung und öffentlichen Zitierens aus der ehemaligen Nationalhymne - "Deutschland einig Vaterland" - aufgefallen. Mit Parka, Nickelbrille und Mützen von der Stu-dentenvereinigung kommen sie sich wie echte 68er aus der BRD vor.

Die Zugverbindungen suchen sie sich so, dass sie nachts fahren und tagsüber ihre Reisesta-tion erkunden können. Die erste Etappe führt sie nach Budapest - einen Tag verbringen sie in der Stadt. Für die Weiterfahrt erhalten sie jedoch keine Platzkarten. Da kommen sie auf die "Wahnsinnsidee", ihre Reise nicht wie geplant durch Rumänien, sondern durch das für DDR-Bürger verbotene Jugoslawien fortzusetzen. Damit nicht genug - sie spazieren in die Botschaft der Bundesrepublik Deutschland, um dort ihr Anliegen vorzutragen. Dort schickt man sie erwartungsgemäß in die Botschaft der DDR. Und dort dürfen sie nach anderthalb Stunden Überprüfung weiterziehen - mit einem neuen Vermerk in der Stasi-Akte, aber ohne Visum.

Freiheit und Grenzen

Auch ohne Platzkarten erreichen die jungen Männer Bukarest. Sie besichtigen die stalinisti-sche Architektur und sind froh, bald im Zug in Richtung Sofia zu sitzen. Als sie ankommen, finden sie zunächst keine Unterkunft. Sie versuchen es bei der DDR-Delegation. Dort wer-den sie von Egon Krenz, damals stellvertretender FDJ-Chef, auf Grund ihres Aussehens hinausgeworfen. Willi erzählt, dass sie sogar damit gedroht haben, "zur westdeutschen Kon-kurrenz" zu gehen - allein, es interessierte Krenz nicht. Aber selbst dort ist kein Platz für sie, viele Jugendliche nächtigen bereits in Notbetten auf den Fluren. In einem Studentenwohn-heim etwas außerhalb von Sofia finden sie endlich ein Nachtlager.

Fünf Tage bleiben die Rucksacktouristen - und lernen, dass Frechheit manchmal siegt. Fast täglich gehen sie ganz selbstverständlich zu Konzerten, auf denen Beatgruppen aus der ganzen Welt auftreten... "Die Beatles und die Rolling Stones waren nicht dabei - aber wir lernten Land und Leute kennen", erzählt Willi verschmitzt.

Zum Schwarzen Meer trampen sie - sie reisen auf einem Schwerlasttransporter und auf ei-nem Pritschen-LKW, der mit Melonen beladen ist. Der Fahrer lässt die Jungs bei sich in der Wohnung übernachten. Das ist Freiheit. Während Willi erzählt, kann ich den Wind in meinen Haaren spüren, entfernt rauschen die Wellen. Drei Wochen verbringen sie am Schwarzen Meer. Weil das Geld zur Neige geht, müssen sie auch auf dem Rückweg den Daumen raus-halten. Einen Zwischenstop legen sie im siebenbürgischen Hermanstadt ein; dann geht es weiter in Richtung Budapest.

Vom "menschlichen Antlitz" zur Fratze

Am 20. August, dem Nationalfeiertag der Ungarn, wollen sie es bis nach Prag schaffen. Willi ist mit wahren Schätzen beladen, die der Grund für seine Geldnot sind: Er hat die gerade veröffentlichte Platte "Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band" von den Beatles und Roberta Flacks "Killing me softly" bei sich. Ein Auto nimmt sie mit nach Bratislava. In ihm lässt Willi seine Schallplatten liegen, natürlich sieht er sie nicht wieder. Von Bratislava kommen die Jungs gerade mal 50 Kilometer in Richtung Prag voran, dann müssen sie übernachten.

In einer Kneipe lernen sie einen alten Slowaken kennen, der stolz auf sein Land und den Versuch ist, einen "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" zu schaffen. Er hilft den drei Rei-senden dabei, einen Schlafplatz zu finden - im Stroh eines Scheunendaches. Dort wachen sie am frühen Morgen des 21. August auf. Donnern, Dröhnen und Stimmengewirr lässt sie nicht mehr einschlafen. Die Drei klettern vom Dachboden und erkennen, dass der Lärm von einer Panzerkolonne ausgeht. Die Panzer fahren mit russischen Fahrzeugkennzeichen. Was hat das zu bedeuten?

Willi und seine Freunde wollen schleunigst weg - aber an Trampen ist inmitten der Panzer nicht zu denken. Aber auch später, als keine Militärs mehr zu sehen sind, kommt kein ziviles Fahrzeug, das sie anhalten können. Die Studenten laufen bis zur nächsten Wegbiegung, um zu schauen, ob es einen Unfall gegeben hat. Sie sehen Kolonnen von Fahrzeugen von der Hauptstraße in eine Nebenstraße abbiegen, die in Richtung der etwa 7 Kilometer entfernten Grenze zu Österreich führt - allerdings ohne offiziellen Grenzübergang.

Gelegenheit zur Flucht

Schließlich hält doch noch ein Skoda, das Ehepaar ist bereit, die jungen DDR-Bürger bis nach Prag mitzunehmen. Im Auto erfahren sie vom Einmarsch der Russen in die CSSR. "Die tschechische Grenzpolizei", erinnert sich Willi, "hatte zu dem Zeitpunkt die Grenzkontrolle aufgegeben, das war auch der Grund für den regen Autoverkehr in Richtung Österreich. Da stellte sich für uns die Frage, ob wir die Gelegenheit nicht nutzen sollten..." Willi schweigt. Ich platze vor Neugier. Was für eine unglaubliche Situation - drei Jungs, die sich nach Freiheit sehnen, stehen vor der Entscheidung ihres Lebens. "Ich konnte mich damals - leider - nicht dazu durchringen", sagt Willi schließlich. So unvorbereitet wollte er sich nicht von seiner Fa-milie trennen sein Studium wäre verloren gewesen.

Den anderen geht es ähnlich. Also versuchen sie nun, so schnell wie möglich nach Hause zu kommen. Dazu knurrt den drei Männern jetzt immer öfter der Magen. Ihre Ostmark ist nichts wert, das Geld umzutauschen ist auch nicht möglich. Irgendwie haben die jungen Männer in diesen Tagen das Gefühl, nicht sehr viele Freunde anzutreffen. An der Straße halten sie den Daumen und die schwarz-rot-goldene Fahne heraus - ohne Hammer und Sichel. Trotzdem hält kein Fahrzeug, aber jeder Tscheche seine Faust in unsere Richtung hoch. Nach mehre-ren Stunden am Straßenrand laufen sie zurück ins Zentrum, um sich vielleicht doch in einen Zug hineinzumogeln.

Chaos, Schüsse

Der Zugverkehr ist jedoch bereits seit den frühen Morgenstunden eingestellt. Willi und seine Freunde stehen ohne Geld inmitten zorniger Prager Menschen und russischer Panzer. Kurz zuvor hatte es einen Toten auf dem Wenzelsplatz gegeben, aber davon haben die Drei zu diesem Zeitpunkt keine Ahnung. Willi kommt in dieser Situation auf die Idee, seinen Fotoap-parat herauszuholen. Nach ein paar Schnappschüssen müssen sie vor den russischen Sol-daten abtauchen.

Aber raus aus Prag kommen sie nicht. Ein Quartier finden sie auch nicht und Geld haben sie sowieso längst nicht mehr. Auf der Straße können sie in dieser Situation auf keinen Fall blei-ben. Also suchen die drei rebellischen Jugendlichen die Botschaft der DDR auf. Dort erhal-ten sie immerhin ein paar tschechische Kronen und einen Schlafplatz für die Nacht. Die Bot-schaft ist bereits überlaufen. Willi erinnert sich an die Nacht. "Ein Ehepaar saß auf der Trep-pe der Botschaft und hatte nichts als das Nummernschild eines Trabant bei sich. Ein russi-scher Panzer war über deren parkendes Auto gefahren und hatte alles zerstört. Ihr einziger Trost war, dass sie nicht im Auto gesessen hatten."

Seltene Freude

Nach einer kurzen Ruhepause in der Botschaft kommt mitten in der Nacht das Signal zum Aufbruch. Draußen warten Busse, die die Menschen zu einem Vorortbahnhof fahren sollen. Willi und die anderen sitzen noch nicht lange im Bus, da kehren sie wieder um. Auf den Straßen wird geschossen! Auch ein zweiter Versuch scheitert, nun fallen bereits direkt vor der Botschaft Schüsse. Erst der dritte Anlauf in den frühen Morgenstunden ist erfolgreich. Alle Personen aus der Botschaft werden bis zur tschechischen Grenze gefahren, mussten sie zu Fuß passieren und steigen dann in einen anderen Zug, der sie nach Bad Schandau bringt.

Ich bin völlig außer Atem nach dieser Geschichte. Willi lächelt jetzt wieder. "Dies war das erste und einzige Mal, dass ich froh war, in der DDR anzukommen", sagt er.

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