Dienstags zur Stasi

28.08.2009: Eine 18-Jährige und die Geschichte ihrer Ausreise aus der DDR

Fleiß, Sauberkeit, Pünktlichkeit. Der Sozialismus ist die Wahrheit, der Kapitalismus das Ende der Welt. Schon früh spürt Nina K., dass sie in der DDR keine Zukunft für sich sieht. In ihrer Jugend hört sie Punk und New Wave, trägt sich mit Fluchtgedanken, fährt nach Prag, um in die Botschaft der BRD zu gelangen. Schließlich entscheidet sie sich für den offiziellen Weg: Direkt nach ihrem 18. Geburtstag stellt sie einen Ausreiseantrag - und landet in den Mühlen der Staatssicherheit.

Von Shirine Issa, 20 Jahre alt, Studentin aus Berlin

Ninas Kindheit unterscheidet sich kaum von dem der meisten Kinder, die Ende der 1970er Jahre in der DDR geboren wurden. Sie besucht den Kindergarten, die polytechnische Oberschule, erlebt die großen Werte der sozialistischen Erziehung und wird mit 14 Jahren feierlich in den Kreis der Erwachsenen aufgenommen. Die Jugendweihefahrt führt die gebürtige Karl-Marx-Städterin in die Hauptstadt der DDR. "Auf dieser Reise merkte ich zum ersten Mal, dass ich nicht in diesem Land bleiben wollte. Ich erinnere mich noch genau an die S-Bahn-Fahrt durch das abendliche Berlin, bei der ich die Hochhäuser im Westteil sah und plötzlich eine unglaubliche Wehmut und einen noch nie da gewesenen Drang nach Freiheit spürte", erzählt Nina.

Ninas Leben beginnt sich zu verändern, Nina selbst verändert sich. Die junge Frau hört Punk & New Wave, pflegt Brieffreundschaften in den Westen. Die Brieffreundinnen versorgen Nina mit Zeitungsartikeln aus der BRAVO und schreiben über ihr Leben. Alle Informationen, die Nina erhält, verdeutlichen ihr, dass die DDR keine Heimat für sie werden würde. Die Entscheidung, das Land später einmal zu verlassen, fällt bereits mit etwa 15 Jahren. "Natürlich habe ich mit niemandem darüber gesprochen", sagt sie. "Aber ich erinnere mich, dass ich mich im Unterricht weigerte, Parolen wie "Sozialismus = gut, Kapitalismus = schlecht" zu wiederholen. Diese Weigerung endete mit einem Gespräch beim Direktor."

Kein Staat für Nina

Nina will raus aus der Enge. An ihrem 18. Geburtstag, im Dezember 1988, fährt sie allein nach Prag. Sie will in der Botschaft der BRD eine Ausreise in den Westen erwirken. Die Türen der Botschaft bleiben jedoch verschlossen, über den Zaun zu klettern, kommt ihr damals nicht in den Sinn. Ihr bleibt nur, den offiziellen Weg zu gehen. "Am 21. Dezember 1988, drei Tage nach meinem 18. Geburtstag, stellte ich beim Rat des Kreises meinen ersten Antrag auf Ausreise in die Bundesrepublik Deutschland", erinnert sich Nina. "Als Gründe benannte ich die eingeschränkte Reisefreiheit, keinerlei Redefreiheit, dass sich meine Interessen und Auffassungen nicht mit denen der DDR und dem Gesellschaftssystem deckten und dass der Staat für mich kein Arbeiter- und Bauernstaat war."

Wenige Tage später beginnen die nervenaufreibenden Aussprachen und Rechtfertigungen bei ihrem Vorgesetzten, einem ehemaligen NVA-Offizier, und der für Ausreisen zuständigen Abteilung beim Rat des Kreises. Nina befindet noch in ihrer Ausbildung, als sie den Antrag stellt, und wird also auch von dieser Seite "bearbeitet". Außerdem wird sie "strafversetzt". Während sie bisher etwa vier Kilometer mit dem Fahrrad zur Arbeit fährt, befindet ihre neue Einsatzstelle etwa 15 Kilometer entfernt. Bei jedem Wetter, morgens und nachts fährt sie mit dem Rad, eine Busverbindung gibt es nicht.

Mehr Druck

"Ich habe dem Druck letztendlich nicht standgehalten und wegen der Versprechungen und Repressalien meinen Antrag etwa zwei Monate später zurückgenommen", erzählt Nina. "An der Situation änderte das jedoch nichts. Auch nicht an meiner persönlichen Einstellung zum System - also stellte ich meinen Antrag am Anfang Juli 1989 erneut, und dieses Mal mit mehr Nachdruck."

Nina erzählt, dass im Juni 1989 mehrere Artikel in der DDR-Presse darüber erschienen waren, dass sich die DDR aktiv für Menschenrechte im Rahmen des KSZE-Prozesses einsetzt. Die DDR gehörte zu den Unterzeichnerstaaten der KSZE-Schlussakte von Helsinki. Darin wurden eine "freiere Bewegung und Kontakte auf individueller und kollektiver, sei es auf privater oder offizieller Grundlage zwischen Personen, Institutionen und Organisationen der Teilnehmerstaaten zu erleichtern".

"Für mich ein nicht hinzunehmender Widerspruch, gegen den ich mich offen in mehreren Briefen an das damalige Innenministerium der DDR äußerte. Dies hatte zur Folge, dass die Häufigkeit der Befragungen durch Mitarbeiter der Abteilung für Innere Angelegenheiten immens zunahmen. Ich erinnere mich, dass ich jeden Dienstag vorsprechen musste."

Wartezeit

Nina ist sich sicher, dass ihrem Antrag auf Ausreise noch vor dem 40. Jahrestag der Gründung der DDR, dem "Republikgeburtstag" im Oktober 1989, stattgegeben werden würde - und wartet. Als die Fluchtwelle von Ungarn über Österreich in die BRD einsetzt, ist Nina hin- und hergerissen. "Wenn ich keinen Antrag auf Ausreise gestellt hätte, hätte ich sicher zu denen gehört, die eine Flucht über Ungarn versucht hätten. Leider war es mir wegen meines Antrages auf Ausreise nicht mehr möglich, die DDR zu verlassen. Und mein damaliger Freund wurde im August 1989 an der Grenze zwischen CSSR und Ungarn verhaftet und musste bis zum Mauerfall in Stasi-Haft verbringen."

Nina wartet also weiter. Was sie nicht weiß: Bereits wenige Tage, nachdem sie ihren zweiten Antrag gestellt hat, gibt die Behörde dem Antrag statt. Mögliche "staatsfeindliche Aktivitäten" sollen unter allen Umständen verhindert werden. Denn Nina hatte angekündigt, an verschiedenen, selbstverständlich friedlichen Aktivitäten in Berlin rund um den 40. Jahrestag teilzunehmen, um ihrer Forderung nach Menschenrechten wie Freiheit und Redefreiheit Nachdruck zu verleihen.

Plötzlich "staatenlos"

Ende September, während einer erneuten Aussprache in den Räumen der Staatssicherheit, wird Nina gleich nach der Begrüßung um ihren Ausweis gebeten. Sie gibt ihn her und erfährt: "Die Staatsbürgerschaft der DDR wird Ihnen mit sofortiger Wirkung aberkannt. Sie sind ab jetzt staatenlos. Ihre Ausreise wird genehmigt. Warten Sie bitte auf weitere Anweisungen." Nina erhält immerhin eine "Identitätsbescheinigung" mit ihren persönlichen Daten als Ersatz für den Ausweis. Bis sie tatsächlich ausreisen darf, vergeht noch fast ein Monat.

Am 24. Oktober 1989 verlässt Nina K. die DDR. Sie nimmt nur mit, was sie tragen kann: zwei Koffer. Für persönliche Erinnerungen wie Fotos oder Briefe bleibt kein Platz. Ihr Geld, insgesamt etwa 2.000 DDR-Mark, verschenkt sie, mitnehmen darf sie es sowieso nicht. Alles ist genau vorgeschrieben: Los geht es mitten in der Nacht in Leipzig. Den Grenzübergang erreicht sie um die Mittagszeit. Nina hat keine Angst, sie verspürt Erleichterung, als alles vorbei ist.

Irgendwann am frühen Nachmittag erreicht sie das Auffanglager in Gießen. Das Lager ist völlig überfüllt mit Flüchtlingen, die über Ungarn die DDR verlassen hatten. Sie erledigt Formalitäten, um einen bundesdeutschen Pass zu erhalte, wird zu ihren Verbindungen zur Staatssicherheit befragt und soll sich ein Bundesland aussuchen, in dem sie leben möchte. "Ich erinnere mich, dass Bayern komplett dicht war und entschied mich stattdessen für Baden-Württemberg. Mein Ziel aber war München."

Kredit für ein Vorstellungsgespräch

Nach einer langen Busfahrt landet Nina im Dreiländereck in einem kleinen Dorf im Schwarzwald. Dort ist sie eine Exotin, kaum einer weiß dort etwas über die DDR, über das Leben und das System. Nina will so schnell wie möglich Arbeit finden und raus dem Schwarzwalddorf. "Also schlug ich das Telefonbuch auf, rief ein Restaurant in München an und war überrascht, dass ich sofort einen Vorstellungstermin bekam." Den Termin hat sie nun, aber kein Geld, um nach München zu kommen. "Also marschierte ich einfach zur Bank, erklärte meine Situation und bat um einen Kredit über 100 D-Mark. Ich glaube der Sachbearbeiter hatte einfach nur Mitleid mit mir - ich bekam das Geld!"

Am 9. November 1989 fährt Nina nach München, um sich dort für die Stelle zu bewerben. Sie bekommt den Job unter der Bedingung, ihre "außergewöhnliche Frisur" zu ändern. Als sie am Abend im Schwarzwalddorf ankommt, wird sie von einer Bekannten empfangen: "Die Mauer ist gefallen!".

Anders als Millionen Deutsche kann Nina in diesem Augenblick keine Freude empfinden. Zu groß war der Druck der letzten Monate. "Wenn ich etwas Geduld gehabt hätte, wäre vieles einfacher gewesen. Ich hätte mein Geld nicht verschenken müssen, sondern tauschen können und ich hätte nicht so viele persönliche Dinge zurücklassen müssen", sagt sie. Aber Nina weiß auch, dass die Prozedur der Ausreise sie stark gemacht hat. Und sie ist stolz auf ihre Beharrlichkeit, weil sie weiß, dass ihre ganz persönliche Kritik am System berechtigt war. "Die DDR war für mich in erster Linie ein Staat, in dem Menschen Repressalien ausgesetzt waren oder ins Gefängnis gehen mussten, weil sie ihre Meinung frei geäußert haben. Ein Staat, der Menschenrechte nicht geachtet hat." Er hat bekommen, was ihm dafür zustand.

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