Die Herrin der Bücher

28.08.2009: Über die Arbeit in einer Gewerkschaftsbibliothek

Bücher. Überall. Mindestens fünf bis sechs Bücher im Monat kauft sie sich, meine Oma. Ihre Plattenbauwohnung in Berlin-Lichtenberg, in der sie seit über 30 Jahren wohnt, gleicht einer Bibliothek. Betreten hat sie eine Bibliothek seit Jahren nicht mehr. "Schwellenangst", sagt sie leise. Sie, die früher einmal eine Gewerkschaftsbibliothek geleitet hat.

Bücherregal

Von Zora Thomas, 16 Jahre alt, Schülerin aus Berlin

Fast jede und jeder Betriebsangestellte war früher oder später in ihrer Bibliothek zu Gast. Alle kamen: vom Lehrling oder Schichtarbeiter bis hin zum Direktor. Um ein Fachbuch zur Reparatur des Trabis, Gute-Nacht-Geschichten für die Kinder, Krimis oder - zum Anfang eines Jahres, als die FDGB-Reisen vergeben worden sind - die passende Reiseliteratur auszuleihen.

FDGB, so erklärt sie, war die Abkürzung für "Freier Deutscher Gewerkschaftsbund". Zu diesem gehörte ihre Bibliothek, die Gewerkschaftsbibliothek des Volkseigenen Betriebs KÜHLAUTOMAT, der Kühlanlagen für Schiffe herstellte. Ab ca. 800 Beschäftigten waren Betriebe dazu verpflichtet, Gewerkschaftsbibliotheken einzurichten. Sie waren wie die allgemein-öffentlichen Bibliotheken aufgebaut und sammelten Fach- und Sachliteratur sowie Belletristik und gaben die Bücher an die Betriebsbeschäftigten aus. Die Finanzen stellte der Betrieb zur Verfügung. Dadurch waren sie oftmals großzügiger ausgestattet als die öffentlichen Bibliotheken, wenn auch nicht in Bezug auf die Raum- oder Personalsituation.

Erziehung zur sozialistischen Persönlichkeit

"Auftrag aller Bibliotheken in der DDR war die Mitwirkung bei der Erziehung von sogenannten sozialistischen Persönlichkeiten", sagt mein Oma und lacht. Himmel, wie das klingt! Ob sie diesen Auftrag wahrgenommen hat, frage ich sie. "Ich habe Literatur besorgt, inventarisiert, ausgeliehen und dabei vor allem die privaten Interessen der Kollegen berücksichtigt", antwortet sie. "Ich musste aber auch Literaturveranstaltungen mit Autoren durchführen, vor allem zur jährlichen ‚Woche des Buches’. Ich erhielt vom FDGB-Bezirksvorstand eine Liste mit Autoren, die für Lesungen zur Verfügung standen. Manchmal kam es vor, dass bei einem weniger bekannten Autor kaum jemand zu Gast war. Das war unangenehm," erinnert sich meine Oma seufzend.

"Wer waren die wichtigsten Autoren in der DDR", will ich wissen. Sie wirkt verlegen: "Ich kann dir diese Frage nicht beantworten, ich bin keine Literaturwissenschaftlerin. Ich kann dir aber sagen, welche Bücher bei mir in den 70er und 80er Jahren gern gelesen wurden". Jetzt glänzen die Augen meiner Oma und die Namen sprudeln nur so aus ihr heraus. Sie nennt Ruth Krafts "Insel ohne Leuchtfeuer", Jozef Ignacy Kraszewski mit der Sachsen-Trilogie, Karl Zuchardts "Die Stunde der Wahrheit", Erwin Strittmatters "Der Laden", Liselotte Welskopf-Henrich mit der bekannten Indianer-Literatur, Gert Prokop, der über Gerichtsmedizin schrieb, Herbert Otto oder Wolfgang Schreyer und Harry Thürk, die für die Abenteuerliteratur standen. "Wurzeln - Roots" von Alex Haley, das war auch ein Buch, das niemals im Regal stand und immer ausgeliehen war. Benno Pludra mit seiner Jugendliteratur, die Alexander Wolkow-Bände oder "Käuzchen Kuhle" von Horst Beseler. "Daneben gab es die sogenannte Schwarz-Schweiß Literatur. Das war politische Literatur, also Auftragsliteratur. Die wurde nicht gern gelesen", berichtet meine Oma.

Lizenzliteratur: Nicht auffindbar

Andersrum gab es aber auch Bücher, die spurlos verschwanden. Sie wurden geklaut. Nicht, weil die Leute das Geld nicht hatten, sondern weil es Lizenzbücher waren. Lizenzliteratur war ausländische und westdeutsche Literatur, für die die DDR Devisen zahlen musste. Die Bücher waren nicht teurer, aber sie erschienen nur in geringen Auflagen und waren im öffentlichen Buchhandel kaum erhältlich. Sie nennt "Der Fänger im Roggen" von Salinger. Eine Gewerkschaftsbibliothek erhielt mindestens ein Exemplar eines Lizenz-Buches, eine allgemein-öffentliche Bibliothek manchmal gar keins.

Mich interessiert, ob bestimmte Bücher in der DDR verboten waren. "Man konnte für die öffentlichen Bibliotheken oder Gewerkschaftsbibliotheken nur die Bücher erwerben, die über den staatlichen Buchhandel angeboten wurden. Andere Bücher konnte man nicht kaufen. Man konnte zwar eine Bibel, ich glaube, im Evangelischen Verlagsbuchhandel erhalten. Die sollte man sich aber nicht in die Bibliothek stellen, einen Koran dagegen konnte man sich hinstellen. Die Bibel war grundsätzlich unerwünscht."

Verbotene Bücher

Sie überlegt: "Solschenizyns Werke waren verboten. Die Bücher konnte man nur privat über Freunde erwerben, die den Mut hatten, die Bücher aus dem Ausland mitzubringen." Sie erinnert sich, dass die russische Zeitschrift "Der Sputnik" Ende der 80er Jahre nicht mehr ausgeliefert wurde. Das war Sprengstoff. Auf einer Literaturveranstaltung mit Markus Wolf, dem Geheimdienstchef der DDR und nach 1986 schriftstellerisch tätig, sprachen einige Kollegen dieses Thema an. "Warum wehren Sie sich nicht?", habe er zurückgefragt. "Das muss man so nicht hinnehmen." Etwas in der Stimme meiner Oma ändert sich, als sie sagt: "So eine Äußerung in der Öffentlichkeit hatte es vorher nicht gegeben. Es war der Anfang der Wende."

Ausverkauf

Welche Bedeutung hatte die Wende für ihr Berufsleben? "Sie war das Ende meines Berufslebens als Bibliothekarin", sagt sie ernst. "Die Gewerkschaftsbibliotheken wurden sofort aufgelöst, danach die Kombinate. Der Bücherbestand wurde an die Kollegen verkauft. Für fünf Mark bekam man einen wertvollen Bilderband und für 10 Pfennig ein gutes Buch. Die restlichen unverkauften Bücher wurden in Container gepackt. Das war schwer mit anzusehen", erzählt sie.

Meine Oma hat dennoch nicht aufgegeben. Sie hat sich neu orientiert. "Nicht nur in den Buchhandlungen, weil ich nicht mehr wusste, was anspruchsvolle Literatur ist", sagt sie. "Sondern auch beruflich. Das war anfangs sehr schwer für mich. Arbeitslosigkeit, Umschulung und noch immer keine vernünftige Beschäftigung. Dann habe ich mich auf eine Stellenanzeige beworben und hatte Glück. Bevor ich Bibliothekarin wurde, hatte ich den Beruf der Schneiderin gelernt - und das gab mir die Qualifikation für meinen heutigen Job." Sie lächelt. "Heute bin ich glücklich. Meine Arbeit als Bibliothekarin war für mich sehr wichtig. Aber dann hat ein neuer Lebensabschnitt begonnen, der auch gut ist".

Als ich mich von ihr verabschiede, frage ich sie: "Oma, hast du eigentlich hier zu Hause in deiner Bibliothek die Bibel?" Sie lächelt mich verschmitzt an: "Natürlich, in einem gebildeten Haushalt sollte die Bibel stehen. Bei mir steht aber auch der Koran."

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